Nichts ist vergänglicher als die ZukunftEin belustigter Seitenblick auf Trendforscher, Gurus und Orakel und eine einfache menschliche Idee zur Sicherung der unternehmerischen Kreativität
H.Rust, Hamburg
ABSTRACT
Es ist wie damals in den 50er Jahren, als wir Bücher lasen wie diese: "So leben wir morgen", "Das neue Universum", "Die Zukunft hat begonnen". Es waren wunderbar naive Welten, in der die meisten technischen Probleme durch Atomkraft gelöst wurden. Fünf Jahre später war alles Makulatur, Schnee von gestern, atomgeschmolzen.Heute ist, was einst das Atom war, das Gen. Und die Zukunft heißt nun Trends. Auch das Publikum hat sich geändert: Aus den faszinierten Jugendlichen mit den roten Ohren und fiebernden Science-fiction-Lesern mit entzündeten Phantasien sind Manager geworden, Führungskräfte, Unternehmer, Karriereaspiranten. Wie es aussieht, wissen viele nicht recht weiter. Warum sonst lägen Hunderte von Büchern in den Regalen der Wirtschaftsbuchhandlungen, die Managern das Managen beibringen und ihnen Informationen aus der Zukunft vermitteln sollen? Mondhoroskope und Anweisungen, die Tarotkarten fürs Managern zu nutzen? Dazu Trendforscher und Zukunftsdeuter; Erfolgstrainer und Gurus? Offensichtlich besteht eine geradezu panische Unsicherheit über das, was zu tun ist, weil man nicht weiß, wie die Welt von morgen aussieht, ja, nicht einmal weiß, wie man den kommenden Tag gestalten kann. Und wo Unsicherheit waltet, herrscht Angst. Wo Angst herrscht, hebt die Suche nach Erlösern an. Eine launige Kritik der Voraussagen, Prognosen und Ratschläge, die - mit authentischen Zitaten und Strategieanweisungen - in dieser Kompilation durchaus karnevalske, zumindest kabarettistische Züge trägt: Von den Gurus bis hin zu den Trendforschern, vom taoistischen Mind Management über Naisbitts fehlgeschlagene Megatrands bis hin zum Ratschlag, die Tarotkarten zu befragen oder die Unternehmensziele nach Mondhoroskopen auszurichten. Das ganze erinnert an magische Beschwörungen. und genau das ist es, was die Trend-Gurus für sich in Anspruch nehmen: Magie, Bauch, Emotionale Intelligenz und allerlei anderen Hokus Pokus. Auf die Trend-Gurus zurückzugreifen, ist eine Art Beschwörung des Schreckens. Aber welchen Schrecken genau versuchen sie zu bannen? Den sprunghaften Kunden. Nur wird nie die Frage gestellt, warum die Kunden sprunghaft sind. Die Antwort ist ganz einfach und leitet den zweiten Teil meines Vortrag ein, der die Inhalte der Tagung impulshaft andeuten wird: Wissensmanagement, Unternehmenskultur, Visionen und die Rolle ernsthafter Unternehmensberatung. Denn die Antwort ist die: Die Kunden sind sprunghaft, weil es Unternehmern gefiel, in der Konkurrenz untereinander immer wieder neue Optionen auf den Markt zu bringen. Weil sie sich zum Beispiel nicht damit zufriedengaben, daß ein kinderzimmergroßes "Elektronenhirn" namens ENIAC der Technikweisheit letzter Schluß sein sollte. Weil sie forderten: Klein-Computer für alle. Weil sie den alten VW Standard mit dem Brezelfenster und dem Blinkerlöffel verbesserten, bis er ein Mini-Van war. So entwickelte sich durch die vorauseilende Genialität von Unternehmern das Angebot, das Frauen zur Technik und Männer zu Kleinwagen bringt, das den Alten die Modernität in den Alltag bringen wird und in eine neue Wirtschaftswelt weist. Genialität der Unternehmner und die Risikofreude der Finanziers. Die erkannten Potenziale und Märkte. Die schufen Potenziale und Märkte. Und so kamen all diesen schönen Dinge, nach denen niemand gefragt hat, die aber viel wollten. Vom PC über den Mini Van bis zum Energy-Drink. Die Mär vom sprunghaften Kunden ist ein Unsinn. Es müßte heißen: Sprunghafte Unternehmer. Doch wie wurden sie dazu? Manche hatten schlicht den Mut, nicht den Trends hinterherzurennen, sondern sie zu machen. Nicht die Second hand-Visionen, die aus Zeitungen und Zeitgeistmagazinen aufgeklaubt wurden, nachzuäffen, sondern selbst zu überlegen, wie sie den vage geahnten Bedürfnissen ihrer Kundschaft vorauseilen konnten. Man lernt, daß strategisch alles ganz einfach ist, aber daß es eine gemeinsame Mentalität erfordert, sich von den Schnellschuss-Beratungen der Gurus abzukoppeln, um "exklusiv" die eigenen Fragestellungen und die eigenen Problemlösungen zu entwickeln.