Für die deutsche Stromwirtschaft beginnt eine neue Zeit. Das traditionelle Monopol ist abgeschafft, Wettbewerb das Gebot der Stunde. Die EU-Strombinnenmarkt-Richtlinie von 1997 gibt den neuen Rahmen vor, Deutschland ist bei der nationalen Umsetzung im neuen Energiewirtschaftsgesetz sogar noch über die Vorgaben aus Brüssel hinausgegangen: Der deutsche Strommarkt ist ab sofort zu 100 % geöffnet. Das heißt: Alle Verbrauchergruppen - Industriekunden, Stadtwerke, Haushaltskunden - können ihren Stromversorger jetzt europaweit frei wählen.Die gesamte Branche muß sich an neue Spielregeln gewöhnen. Der Kunde mit seiner Wahlfreiheit diktiert künftig den Markt. Im Wettbewerb wird sich vor allem der durchsetzen, der den besten Preis bietet. Preisführerschaft wiederum ist eng verknüpft mit Kostenführerschaft. In vielen Energieversorgungsunternehmen kann man die konsequente Ausrichtung auf die energiewirtschaftliche Wertschöpfungskette Erzeugung - Übertragung - Vertrieb beobachten; das gleiche gilt für deutliche Bemühungen zur Effizienzsteigerung. Wachstum bedeutet natürlich Konkurrenz, aber es bringt auch verstärkt Kooperationen und strategische Allianzen in einem immer europäischer werdenden Strommarkt.
In die Stromwirtschaft zieht ein Stück unternehmerische Normalität ein. Alle Investitionen müssen sich künftig rechnen, der Wettbewerbsmarkt kennt hier wenig Gnade. Die Zeit des fehlerverzeihenden Monopols mit der Möglichkeit der Kostenüberwälzung auf die Stromkunden ist endgültig vorbei. Liberalisierung und Deregulierung sollten einhergehen mit einem gewissen Maß der Zurückhaltung bei politischen Eingriffen in den Energiesektor. Freiwilligkeit und Eigenverantwortung gewinnen an Bedeutung, wie in jedem anderen "normalen" Wirtschaftszweig auch.
Der neue Ordnungsrahmen hat erhebliche Auswirkungen auf die einzelnen Energieträger. Das gilt vor allem für Kernenergie und Regenerative. Kernenergie hat auch in einem wettbewerblichen Umfeld ihre Chance. Die jüngsten Ergebnisse der Entwicklungsarbeiten am neuen Europäischen Druckwasserreaktor (European Pressurized Water Reactor) belegen dies. Bei Regenerativen ist es vor allem entscheidend, Fördermodelle zu entwickeln, die sich in das neue wettbewerbliche Umfeld einfügen. Freiwilligem Engagement ist auch hier der Vorzug vor Regulierung und Dirigismus zu geben.