Vom Herforder Tacheniusweg aus gestaltet Rolf Diederichs ein Internet-Journal für die Fachwelt. Das Projekt ist keine Spielerei, sondern eine Existenzgründung, die sich zu rentieren beginnt. Wie auch gedruckte Fachblätter finanziert sich Diederichs Publikation über Werbung.
Rolf Diederichs ist Journalist, Herausgeber und Verleger in einer Person. Seine Fachzeitschrift "Ultrasonic Testing Online Journal" (http://www.ultrasonic.de) erscheint nicht auf Papier, sondern im weltweiten Computerverbund Internet. Mit dem Bildschirm-Journal hat sich der 46jährige in seinem Haus am Tacheniusweg vor zwei Jahren selbständig gemacht Das Internet wächst rapide mit ihm die Leserzahlen. Sachte steigen Diederichs Werbeeinnahmen: "Der Motor lauft"
Nach seinem Studium der Nachrichtentechnik in Köln hat Diederichs 20 Jahre lang von Ultraschallsystemen zur "zerstörungsfreien Materialprufung" gelebt: bei der Firma Krautkrämer bei Köln und bei Inoex in Bad Oeynhausen. Mit Ultraschall (ultrasonic) werden beispielsweise Schweißnähte von Pipelines oder Reaktorbauteilen auf Fehler überprüft. Aus dem Berufsleben mit wirklichen Ultraschall-Geräten machte sich der Diplomingenieur auf in die Selbständigkeit in der virtuellen Welt.
"Ich wollte etwas mit Zukunftsperspektive machen", sagt Diederichs, "und das Internet hat Zukunft." Für die zerstörungsfreien Untersuchungsmethoden gibt es eine gedruckte Fachpresse. Diederichs trat an, ein solches Angebot kostenlos für ein internationales Fachpublikum ins Internet zu stellen. "Was ich dazu lernen mußte, habe ich im Internet gelernt. Wenn ich nicht weiterkam, habe ich per elektronischer Post (newsgroups) um' Hilfe gebeten - und bekommen." Ideelle Unterstützung bekommt Diederichs von der Deutschen Gesellschaft zerstörungsfreie Prüfung (DGZfP Berlin). Sie vertreibt auch Diederichs CD-ROM mit zwölf Ausgaben des Journals.
Beim Bielefelder Unternehmen Contrib Net mietet Diederichs einen Internet-Rechner (Server). Dort stehen 6.000 Dateien mit rund 60 Megabyte Daten weltweit aus dem Netz heraus zum Abruf. Die Seiten Texte und Grafiken selbst entstehen im kleinen Büro am Tacheniusweg. Müßte Familienvater Diederichs nicht Kongresse besuche und auswärts Fachgespräch und Kunden suchen, er konnte seine Arbeit komplett von Zuhause aus machen.
Die Arbeit wird über Werbung finanziert. Dafür hat Diederichs eine ,virtuelle Messe" eingerichtet. Kunden sind Unternehmen wie Siemens, Philips und Krautkrämer. In der Messe können die Firmen auch auf eigene Internet-Angebote verweisen. Noch, sagt der Ingenieur und Journalist, sind die Einnahmen zu gering: "Das muß besser werden." Aber man ist ja auch erst im zweiten Firmenjahr. In der Startphase floß weiteres Geld in die Firmenkasse, indem Diederichs für Unternehmen Internet-Seiten (Homepages) gestaltete.
Der Werbeplatz im Internet hat Zukunft; sagt Diederichs, weil es auf Dauer ohne ihn nicht geht. Ein eigenes Internet-Angebot der Firmen ist gut, doch die "Surfer" müssen es finden, sagt der Ingenieur. "Die Leute treffen sich, wo sie nutzbare Informationen und Neuigkeiten erfahren. Und dort muß das Unternehmen für sich werben. Sonst verstaubt die eigene Homepage."
Auf Fördermittel hat der Jungunternehmer nach mehreren Versuchen verzichtet. Der bürokratische Aufwand sei zu hoch: "Ob ein Großkonzern eine Million braucht oder ich 10000 Mark, die Formulare sind die gleichen. Nur, daß der Konzern dafür eine eigene Abteilung hat.' Ein Herforder Kreditinstitut und eine Förderberatungsstelle sahen die Förderkriterien nicht als erfüllt an. Im "Jahr der Unternehmensgründung" werde es am Standort Deutschland Kleinunternehmen mit Zukunftstechnik nicht leicht gemacht, bilanziert Diederichs.
In seinem Angebot für die Fachwelt will Diederichs die neue Technik kreativ nutzen. Grafiken, bewegte Bilder und jetzt auch Töne führen ins Multimedia. Im "Workshop" diskutieren Fachleute per elektronischer Post miteinander und mit den Lesern. Zu den "Vortragenden" gehören Fachleute aus aller Welt, inklusive Nasa und Bundesamt für Materialprufung. Das Journal etabliert sich. Die britische Fachwelt hingegen sperrt sich, und in den USA gibt es Vorbehalt: "Nationalbewußtsein und Konkurrenzdenken", urteilt Diederichs: "Mancher will eben auch im Internet Landesgrenzen aufbauen." Dabei läßt sich im Internet die Globalisierung der Welt am einfachsten umsetzen. Seine englischen Texte läßt Diederichs via Datenleitung in den USA auf Fehler lesen. Und einige Programmierarbeit hat ein Mann aus der Ukraine für den Herforder erledigt. "Aber hier zeigen sich die Grenzen der Telearbeit: Manches läßt sich per Brief eben schwer erklären."
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