DGZfP-JAHRESTAGUNG 2002

ZfP in Anwendung, Entwicklung und Forschung

START Beiträge > Vorträge > Festvortrag:

Weimar - Materialien einer Prüfung

H. Seemann
Kontakt: H. Seemann

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich gestehe es gern, ich wußte keineswegs, was es mit zerstörungsfreier Materialprüfung auf sich hat, als man mich bat, Ihnen heute morgen etwas über Weimar und die Stiftung Weimarer Klassik zu erzählen. Erst als ich mich ein wenig in die Tagungsunterlagen Ihres Treffens eingelesen hatte, verstand ich, worum es bei Ihren Aufgabenstellungen geht, und ich verstand auch, daß die Felder, auf denen Fachleute Ihrer Vereinigung und Menschen, die wie ich die Aufgabe haben, kulturelle Zeugnisse der Vergangenheit sicher auf die Nachwelt zu bringen, zusammenarbeiten können, außerordentlich zahlreich sind. Was mir also zu Beginn ein wenig bizarr erschien, wurde mir rasch ganz vertraut, und diesem Vertrautgewordensein mit Ihrem Thema mögen Sie es zuschreiben, wenn ich meinen Vortrag mit dem Titel "Weimar - Materialien einer Prüfung" überschrieben habe.

Vermutlich haben viele unter Ihnen ein ganz ursprüngliches und unverkrampftes Verhältnis zu den Gegenständen, mit denen sich meine Stiftung befaßt, so daß ich hoffen darf, Sie mit meinen Ausführungen nicht zu langweilen. Ja, ich möchte noch einen Schritt weiter gehen: ist nicht Kultur überhaupt nichts anderes als die Sichtung von Materialien, die wir vorfinden und auf ihre Relevanz für unser Leben prüfen, möglichst ohne diese Materialien dabei zu zerstören? Mir scheint die Aufforderung zu einer zerstörungsfreien Prüfung gar keine schlechte übersetzung des berühmten Satzes von Goethe zu sein, der bekanntlich zum kulturellen Erbe sagte: Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen. Und, möchte man heute hinzufügen: erwirb es, aber verdirb es nicht.

Weimar - so heißt es in einem der jüngeren Bücher über diese Stadt - sei ein sprödes Denkmal. Denn die Bildung und den Geist, die diesen Ort vor allen anderen deutschen Städten auszeichneten, kann man nicht besichtigen.

Auch die Prüfungen, denen Weimar im Laufe seiner Geschichte ausgesetzt war - und sicher immer wieder ausgesetzt sein wird - , beginnen meist in dieser Sphäre des Unsichtbaren. Es sind andere Prüfungen als die, mit denen Sie sich befassen. Und sie gingen durchaus nicht immer zerstörungsfrei vorüber.

Lassen Sie mich das an einem ersten Beispiel zeigen: dem Fall Nietzsche. Der Angriff auf den Geist und die Substanz seines Werkes wurde zu einem bis heute nicht abgeschlossenen Weimarer Skandal.

Unter den Nachlässen von mehr als 100 Persönlichkeiten der klassischen und nachklassischen Zeit, die sich heute im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar befinden, ist der des Philosophen Friedrich Nietzsche einer der vollständigsten und zugleich bedeutendsten. Diese nahezu lückenlose überlieferung verdanken wir einer Frau - seiner Schwester Elisabeth Foerster-Nietzsche.

Noch zu Lebzeiten ihres Bruders, als dieser geistig umnachtet und nicht mehr Herr seiner selbst war, hat sie sich zu seiner Nachlaßverwalterin ernannt. Mit ungeheurer Energie trug sie alles zusammen, dessen sie habhaft werden konnte: Zettel, Briefe, die sie von den Adressaten zurückkaufte, Werke und Manuskripte.

Mit diesem Schatz und ihrem kranken Bruder im Gepäck machte sie sich auf den Weg nach Weimar. Sie bezog eine Villa auf dem Hügel über der Stadt, genannt Villa Silberblick, die eine begüterte Schweizer Freundin für den Philosophen gekauft hatte, machte sie zum Sitz des »Nietzsche-Archivs« und erklärte:

»Eine andere große Lebensaufgabe: die Pflege meines einzigen teuren Bruders, des Philosophen Nietzsche, die Sorge für seine Werke und die Beschreibung seines Lebens und Denkens nimmt von jetzt ab meine ganze Kraft und Zeit in Anspruch.«

Charlotte von Stein hat die Briefe Goethes an sie verbrannt und der Nachwelt auf diese Weise etliches vorenthalten.

Elisabeth Förster-Nietzsche hat alles, was sie aus dem Nachlaß ihres Bruders an sich bringen konnte, erhalten. Aber sie hat es auch verwertet in einer Weise, die man mitnichten zerstörungsfrei nennen kann.

Sie beutete das Erbe aus wie einen Steinbruch und fügte Fragmente zu einem Werk, das es den Nationalsozialisten leicht machte, sich seiner zu bedienen, obwohl F. Nietzsche wiederholt seine radikale Verachtung für den Antisemitismus zum Ausdruck gebracht hatte. Die späten Schriften Nietzsches wurden in Weimar von vielen beunruhigenden Elementen, von den skeptischen und entlarvenden, besonders von den antinationalistischen, antirassistischen und antiwilhelminischen, gesäubert. Eine von Elisabeth Förster-Nietzsche inszenierte Legende ließ die Welt beinahe vergessen, daß der Titel von Nietzsches vielleicht persönlichstem Buch nicht »Mein Kampf«, sondern »Ecce homo« heißt.

»Wie angenehm es für diese Dame sein muß, einen solchen Bruder gehabt zu haben«, soll Hugo von Hofmannsthal nach einem Besuch im Haus Silberblick gesagt haben, um dann hinzuzufügen: »besonders jetzt, wo er tot ist.«

Die Geschichte der Unterschlagungen, Fälschungen und Manipulationen, die für immer auch mit dem Namen Weimar verbunden sein werden, wurde spät geschrieben.

1945, nach Kriegsende, ist Max Oehler, ein Vetter Elisabeths und nach ihrem Tod 1935 Direktor des Nietzsche-Archivs, in die sowjetische Kommandantur bestellt worden. Er kehrte von dort nicht zurück. Die Archivbestände wurden in einhundertundelf Kisten verpackt, die - genau weiß man das nicht - offenbar nur durch einen glücklichen Zufall nicht in die Sowjetunion abtransportiert wurden. Im Dezember 1945 schloß die sowjetische Militärverwaltung das Archiv.

Vier Jahre später kam das gesamte Material ins Goethe- und Schiller-Archiv, wo es - für die meisten Benutzer aus den Ländern des Ostblocks unzugänglich - aufbewahrt wurde.

Die erste kritische, mithin zerstörungsfreie Edition der Werke Nietzsches, die von den Italienern Giorgio Colli und Mazzino Montinari herausgegebene Gesamtausgabe, erschien erst nach 1967. Und die Akten des Nietzsche-Archivs sind bis heute erst zu Teilen ausgewertet. Allein die Korrespondenz umfaßt rund 30 000 Briefe, darunter Schreiben von Gerhard Hauptmann, Thomas Mann und Henry van de Velde ebenso wie von Hitler und Mussolini.

Die Stiftung Weimarer Klassik hat ein entsprechendes Forschungsprojekt begonnen. Mit überraschungen darf gerechnet werden.

Die Erhaltung all dessen, was den Ruf und den Geist des klassischen Weimar und der nachfolgenden Zeit eines Franz Liszt und Friedrich Nietzsche ausmacht, ist die vordringliche Aufgabe der Stiftung Weimarer Klassik.

Das geht nicht ohne die Erhaltung der zahlreichen Sachzeugen, der Häuser Goethes und Schillers, Liszts und Nietzsches, ihrer Schriften und Sammlungen, nicht ohne die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die Schlösser und Parkanlagen. Doch diese Sachzeugen stehen und sprechen auch für sich selbst. Sie werden zur bloßen Hülle, wenn man das, wofür sie stehen, ins Gegenteil verkehrt, vereinnahmt und mißbraucht. Das ist in Weimar nicht nur mit Nietzsche geschehen.

Die zerstörungsfreie Erhaltung und der sensible Umgang mit der Substanz ist also der Blickwinkel, aus dem heraus ich das besondere Material, mit dem wir es hier in Weimar zu tun haben, prüfen werde.

Weimars erste Adresse, Goethes Haus am Frauenplan, soll die erste Station sein.

Das Haus mit der langgestreckten Fensterfront wirkt klassizistisch, obwohl es eigentlich ein barocker Bau ist. Als es zu Beginn des 18. Jahrhunderts gebaut wurde, lag der Frauenplan noch vor den Toren der Stadt. Goethe zog hier 1782 schon einmal als Mieter ein. Zehn Jahre später bekam er das Haus als Dienstwohnung, und schließlich schenkte es ihm der Herzog ganz.

Goethe formte es zu einem Gesamtkunstwerk, in dem er zunehmend auch sich selbst inszenierte.

Jean Paul berichtete nach seinem ersten Besuch, Goethes Haus sei im italienischen Geschmack gehalten, »mit solchen Treppen, ein Pantheon, voll Bilder und Statuen...«. Die Treppe, für die das halbe Parterre geopfert und Wände und Decken geöffnet wurden, war das erste, was Goethe hatte umbauen lassen.

Erhalten sind zwei eigenhändige Skizzen des Dichters, die dem Aufstieg in seine Residenz gelten. Vor der Eingangstür zu seiner Wohnung ließ er die Intarsie mit der Inschrift SALVE anbringen.

Die einzelnen Räume gestaltete er nach ihren Funktionen: von der heiteren Festlichkeit im Gelben Saal bis zur radikalen Zweckmäßigkeit in seinem Arbeitszimmer im Hinterhaus mit Blick auf den Garten.

Im Laufe eines halben Jahrhunderts hat Goethe in diesem Haus die Welt zusammengetragen. Die Geschichte der Kunst ist in Grafiken, Majoliken, Gemälden, Münzen und Gipsabgüssen von Skulpturen versammelt. Die naturwissenschaftliche Sammlung erstreckt sich von der Geologie und der Physik bis hin zur Anatomie.

Es kommt alles vor, womit sich die Künstler und Gelehrten seiner Zeit beschäftigten. Und zu jedem Stück hätte er eine Geschichte gewußt, jedes ist ein Sinnbild und zu vielen gibt es einen überlieferten Kommentar oder gar einen Briefwechsel.

Als nach dem Tod seines letzten Enkels der Bestand des Hauses neu inventarisiert wurde, fanden sich 26 000 Kunstgegenstände sowie mehr als 2000 Zeichnungen von Goethe selbst. Hinzu kommen 18 000 Steine und über 5000 verschiedenste naturwissenschaftliche Objekte.

über 400 Stücke der Sammlung sind heute im Haus des Dichters zu sehen. Für die wissenschaftliche Benutzung steht der gesamte Bestand zur Verfügung.

Weimar hat den Vorzug der anschaulichen Geschichte. Das Goethehaus in Frankfurt am Main wurde 1944, wie die gesamte Altstadt, zerstört. Was man dort sieht, ist eine Rekonstruktion. In Weimar ist alles verbürgt. Wer wann wohin kam, worüber mit wem gestritten wurde, wer welchen Eindruck hinterließ, wo jenes Schränkchen stand ...

Das Arbeitszimmer mit Schlafzimmer, Kanzlei, Bibliothek und Vorzimmer wurde von Bibliothekssekretär Theodor Kräuter nach Goethes Tod akribisch genau erhalten. Die Wiedereinrichtung der oft beschriebenen und dargestellten Sammlungszimmer im Vorderhaus folgte übereinstimmenden überlieferungen. Eindeutig identifiziertes Mobiliar, wie Sammlungsschränke und Monumentalbüsten, hatten ihre bestimmten Plätze.

Auch das Urbinozimmer, im Februar 1945 durch eine Bombe zerstört, konnte nach eindeutigen überlieferungen restauriert werden. Das Inventar war in sichere Kriegsdepots ausgelagert worden.

Allein die Zimmer, die Goethes Frau Christiane bewohnte und die zu beschreiben keiner der vielen Gäste für nötig hielt, ist eine Adaption aus dem Jahr 1953/54.

24 Räume von Goethes Haus sind heute für die öffentlichkeit zugänglich. Es ist seit Jahrzehnten das meistbesuchte Museum der Stadt. - Aber für 1000 Besucher am Tag war es nie gedacht.

Von den rund 600 000 Gästen, die die Stiftung Weimarer Klassik jährlich in ihren mehr als 20 Museen und Schlössern in Weimar und Thüringen zählt, entfällt ein Drittel allein auf das Goethehaus.

Es ist ein Ansturm, dem der Bau kaum gewachsen ist. Durchschnittlich eine Diele pro Raum muß jährlich gewechselt werden. Die Feuchtigkeit, die die Massen an manchen Tagen mit sich bringen, könnte man, wenn man sie denn hineinbekäme, in Eimern hinaustragen. An Engstellen, Wänden und Türen wird die Abnutzung deutlich.

Die immer wieder gebrauchte Abwandlung von des Dichters angeblich letzten Worten »Mehr Licht« zu »Mehr nicht« möchte man an dieser Stelle auch als Votum für die Begrenzung des Besucherstroms in seinem Haus am Frauenplan in Anspruch nehmen.

Der Zwiespalt zwischen touristischer Begehrlichkeit und der Notwendigkeit, das Haus zu schützen, hat die Stiftung vor einigen Jahren zu einer unpopulären Maßnahme greifen lassen:

Ein Limit von 800 Besuchern am Tag, nicht mehr als 100 in der Stunde, durch ein automatisches Zählwerk am Eingang unbestechlich kontrolliert, soll die Belastung zumindest im vertretbaren Rahmen halten. In den Sommermonaten, an Feiertagen und langen Wochenenden bilden sich jetzt Schlangen vorm Haus.

Die Möglichkeit, die benachbarte Ausstellung zur Weimarer Klassik oder das Wittumspalais zu besuchen, ist für viele offenbar keine wirkliche Alternative.

Doch welche Alternative gäbe es für die Stiftung?

Historische Häuser, Räume mit Interieurs, die auf persönlichen Gebrauch, auf Zurückgezogenheit und kontemplative Kreativität abgestimmt sind, sind für Massendurchgänge nicht geeignet. Sie reagieren darauf mit Zerfall. Das Besucherlimit in Goethes Haus ist ohnehin nur ein Kompromiß, vergleichbar einer Medizin, die lindert, aber nicht heilt.

Auch das zweite Haus Goethes in Weimar - meine zweite Station - ist ein Besuchermagnet: Das Gartenhaus des Dichters im Park an der Ilm

Es ist ein ganz gewöhnliches, fast zeitloses Haus mit hohem Dach. Goethe bekam es 1776 vom Herzog geschenkt. Als Hausbesitzer wurde er zum Weimarer Bürger und damit überhaupt erst amtsfähig. (Da er bis in das Jahr 1815 auch Frankfurter Bürger blieb, hätte er bis zu diesem Zeitpunkt nach heutiger Weimarer Regel Zweitwohnsitzsteuer zahlen müssen.)

Die meisten Möbel für sein Gartenhaus hat Goethe selbst entworfen und durch die Hoftischler anfertigen lassen. Der Weimarer Unternehmer Friedrich Justin Bertuch machte einen Teil dieser Entwürfe mit seinem »Journal des Luxus und der Moden« in der Welt bekannt.

Goethe ließ auch den Garten umgestalten. Es wurden Beete angelegt, Mauern gesetzt, Spaliere an der Hauswand angebracht und am Ende des in den Garten führenden Weges der »Stein des guten Glücks« errichtet. Der Sandsteinkubus mit einer Kugel darauf symbolisiert das Zusammenspiel zwischen Beständigem und Zufälligem im Leben.

An diesem alltagstauglichen Ort ist vor langer Zeit die Idylle eingezogen. Denn hier ließen sich die klassischen Legenden besser nachempfinden, als zwischen den Gipsmedusen am Frauenplan.

Die biedermeierliche Romanze, von dem im Walde so vor sich hingehenden Dichterfürsten und der armen Blumenbinderin vor den Toren der Stadt, dem gefundenen Blümlein, - hier ist sie zu Hause.

Als erstes in einer Reihe historischer Häuser hat die Stiftung in Vorbereitung auf das Kulturstadtjahr 1999 das Gartenhaus restauriert.

Das Ergebnis muß - nach anfänglichen Reaktionen zu urteilen - auf die Besucher gewirkt haben, als habe man die ganze Romanze zwangsgeräumt. Die »Biedermeierstube«, die sich Generationen von Weimar-Besuchern in natura wie im Abbild ins Gedächtnis gebrannt hat, war im wahrsten Sinne des Wortes leer.

Welcher Prüfung hatte man das Haus unterzogen?

Original oder nicht, war das Kriterium, nach dem Restauratoren und Kunsthistoriker zu Werke gingen. Nach Jahrzehnten nachempfundener Inszenierung wollten sie das Authentische ins Leben zurückrufen.

Statt des gewohnten hellen Naturputzes in vertrautem Weimar-Gelb erhielt das Haus den grauen Anstrich der Goethezeit. Die Innenräume wurden nach Farbfasssungen aus dem Jahr 1820 gestaltet und als Interieur verblieben lediglich die historisch überlieferten Stücke. Am Ende sollte das Gartenhaus wieder mehr in der Rolle erfahren werden, die es für Goethe zeitlebens spielte: als ein steter Rückzugs- und Arbeitsort, an dem der Dichter an den »Wanderjahren« und am »Faust II« schrieb.

Inwieweit das gelungen ist, läßt sich nur schwer einschätzen. Ein Gästebuch ist aufschlußreich, aber keine statistische Erhebung.

Was jedoch in jedem Fall gelungen ist, ist die in Gang gebrachte Diskussion über das Authentische und die Aura des Originals.

Ein Kulturstadtprojekt hat diese Diskussion noch vervielfacht. Denn dem restaurierten Original stand im Park an der Ilm 1999 ein zweites Gartenhaus gegenüber. Eine maßstabsgetreue Kopie innen wie außen, mit demselben sparsamen Interieur, das die Gemüter ohnehin schon erregt hatte.

Es ist anzunehmen, daß die Besucher der Kopie die Aura des Reproduzierten gespürt und den Vergleich gesucht haben, denn die Statistik in beiden Häusern weist ungefähr gleiche Besucherzahlen auf.

Die nicht unumstrittene Kopie ist aus dem Ilmpark inzwischen wieder verschwunden. Im Umfeld der Toskana-Therme in Bad Sulza soll sie wieder aufgebaut werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

An der dritten Station meiner Prüfung, der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, herrscht derzeit eingeschränkter Verkehr.

Die Vertreterin der Stadt hat vorhin schon darauf aufmerksam gemacht, daß die Stiftung hier unmittelbar vor dem Bibliotheksgebäude einen der schönsten innerstädtischen Plätze »zerstört«.

Sie haben nicht alles gesagt - wir tun noch mehr. Denn unter diesem Platz haben mit Fortschreiten der Tiefbauarbeiten die Archäologen ein Dorado entdeckt:

Vom sechsten Jahrtausend vor unserer Zeit bis in die Renaissance reichen die hier gefundenen Siedlungsreste. Für den jüngsten Fund gibt es nach bisherigen Erkenntnissen in Europa kein weiteres Beispiel: Es ist die Grundplatte einer Wasserkunstanlage mit offenbar symbolischer Bedeutung. Die pagodenähnliche Anlage stand im Zentrum des Renaissancegartens, der früher den Platz zierte. Von seinem Da-Sein zeugten bisher nur alte Stadtpläne.

Dürfen wir ein solches Denkmal so ohne weiteres beiseite räumen?

Sicher, wir werden es erhalten, die Denkmalpfleger und Archäologen werden es weiter untersuchen und vielleicht wird man es sogar irgendwann einmal besichtigen können. Doch an anderer Stelle, im Park von Kromsdorf oder wo auch immer, wird es nicht mehr dasselbe sein.

Die Tiefbauarbeiten am Platz der Demokratie gehen trotzdem weiter. Ein Denkmal muß dem anderen weichen. Denn das Ziel der aufwendigen Arbeiten ist die Rettung einer historischen Bibliothek. Diese Bibliothek und ihre Sammlungen war die Basis für die seßhafte Weltläufigkeit, die das klassische Weimar ausmachte.

Herzogin Anna Amalia hat in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts das ehemalige grüne Schloß, einen Renaissancebau, der zuletzt als Zeughaus gedient hatte, für Bibliothekszwecke umbauen lassen.

In fünf Jahren entstand unweit von Stadtschloß und Fürstenhaus eine Schaubücherei, die immer wieder begeistert beschrieben wurde:

In ihrem Zentrum liegt ein Saal, ein durch zwölf Pilaster gebildetes Oval, 21 Meter lang, elf Meter breit, zwei Galerien hoch. Der ganze Raum ist mit Porträts, Leuchten und vergoldeten Kapitellen geschmückt. Es ist eine Bücherkirche des Rokoko, in der den Gelehrten die Erhabenheit eines enzyklopädischen Ideals vor Augen geführt wird.

Doch diese Bibliothek ruht auf schwachen Balken. Sie ist eine Architektur des schönen Scheins, die man auf hölzernen Stangen und Bohlen in die steinerne Schale des alten Schlosses hineinsetzte; mit Paneelen, die Marmor vortäuschen und Licht, das hinter den Säulen einfällt, damit die Illusion des unendlichen Raumes entsteht.

Es ist diese unzureichende bauliche Substanz, die den Anforderungen nicht mehr standhält und die Schätze, die hier lagern zunehmend gefährdet. Vor vier Jahren alarmierte ein Schimmelbefall im Handschriftenzimmer die öffentlichkeit. Damals mußten Teile des überaus wertvollen Bestandes - darunter 52 Inkunabeln, 40 deutsche, lateinische und arabische Handschriften sowie einzigartige historische Landkarten - für die Benutzung gesperrt werden.

Der Rokokosaal, einer der Hauptanziehungspunkte in Weimar, ist aufgrund der außerordentlich schwierigen konservatorischen Bedingungen und baulicher Schäden nur noch eineinhalb Stunden am Tag für Besucher geöffnet. Auch Kapazitätsprobleme belasten die Bibliothek. Seit dem beginnenden 19. Jahrhundert, als Goethe hier die Leitung in seinen Händen hielt, gab es keine räumliche Erweiterung. Von inzwischen rund einer Million Büchern können nur noch etwa 20 Prozent im Hauptgebäude untergebracht werden. Der überwiegende Teil ist auf vier Ausweichmagzine in ganz Weimar verteilt und muß, um Bestellungen der Bibliotheksbenutzer zu realisieren, vielfach per Auto hin- und hertransportiert werden.

Die Sanierung und Eweiterung dieser Bibliothek ist eines der anspruchsvollsten und auch teuersten Projekte der Stiftung Weimarer Klassik. Mehr als 23 Millionen Euro kostet der Umbau des benachbarten Roten und Gelben Schlosses einschließlich des Baus eines Tiefmagazins für 1,4 Millionen Bücher am schon erwähnten Platz der Demokratie. Dieser erste Schritt der Sanierung wird im Jahr 2004 abgeschlossen sein. Der zweite, die Restaurierung der alten Bibliothek, für die noch einmal rund 10 Millionen Euro - die wir noch nicht zusammenhaben - gebraucht werden, soll sich in den zwei darauffolgenden Jahren anschließen.

Am Ende wird Weimar in seiner Stadtmitte ein neues Zentrum für das alte Medium Buch haben. Mit einem modern ausgestatteten Benutzerbereich im Roten und Gelben Schloß, Tiefmagazinen unter einem wieder mit Kopfsteinpflaster versehenen Platz der Demokratie und einer historischen Bibliothek, die zugleich ein Buchmuseum sein soll.

Die Bibliothek hat seit ihrer Gründung systematisch die Bestände erweitert und sie hat sich an fortschreitenden Benutzeranforderungen orientiert. Aber sie ist nie ein Museum gewesen. Für die Rekonstruktion, die jetzt vorbereitet wird, ist das nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein Problem. Denn eine stärkere öffnung des Hauses für Besucher bringt - nicht anders als im Haus Goethes - zugleich auch stärkere Belastungen mit sich, für die das Gebäude gewappnet werden muß. Doch wappnen heißt auch eingreifen und jeder bauliche Eingriff führt am Ende zur irreversiblen Zerstörung von Details.

Dabei ist die wechselreiche Entstehungsgeschichte des Gebäudes ein Hauptgrund dafür, daß wir vor großen konservatorischen Problemen stehen. Schon ein erster Blick auf den Schnitt durch das Gebäude macht deutlich, daß wir es eigentlich mit einem Konglomerat von vier Gebäuden zu tun haben, aus unterschiedlichen Materialien, insbesondere auch im Fundament, errichtet, unterschiedlich stabil und deshalb unterschiedlich belastbar. Ganz rechts sehen Sie den aus dem Mittelalter stammenden Befestigungsturm, einen Rest der früheren Stadtmauer. In der Mitte finden Sie das sogenannte Grüne Schloß, eine Renaissanceanlage vom Ende des 16. Jahrhunderts, in der wiederum im 18. Jahrhundert der berühmte Rokokosaal eingerichtet wurde. Dann verband man an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert das kleine Schloß mit dem Befestigungsturm durch einen klassizistischen Verbindungsbau und schließlich erweiterte man in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts das Renaissanceschloß nach Norden. Das gesamte Gebäude soll nunmehr nicht nur restauriert, sondern auch erstmals als museale Einrichtung für das alte Buch für eine größere öffentlichkeit erschlossen werden. Zwei Studien haben sich bisher mit dieser Aufgabe auseinandergesetzt. Sie kommen zu weit auseinanderliegenden Ergebnissen. Einen gangbaren Weg müssen wir erst noch finden.

Nicht zu bezweifeln ist aber bereits zum gegenwärtigen Planungszeitpunkt, daß wir auch hier vor einem Dilemma stehen. Je umfassender wir gewillt sind, die Schönheiten und Zeugnisse unserer Bibliothek einem möglichst großen Publikum im authentischen Ambiente der alten Bibliothek zugänglich zu machen, desto größer werden die Eingriffe in die Substanz dieses Ambientes und die Beeinträchtigung unserer Schätze sein. Alle Kulturgüter wurden von Menschen hervorgebracht und sind einzig dazu da, von Menschen genutzt zu werden. Doch zugleich ist der Mensch die größte Gefährdung für das Erbe, das auf ihn gekommen ist. So stehen wir bei der Entwicklung für ein Konzept der Herzogin Anna Amalia Bibliothek geradezu idealtypisch vor der Aufgabe, die beiden zentralen Funktionen des Museums, das Aufbewahren und das Vermitteln, in eine geeignete Balance zu bringen.

Wenn Sie heute von Erfurt aus auf der Autobahn nach Weimar fahren, verweist Sie vor der Ausfahrt Weimar ein Hinweisschild darauf, daß Sie abfahren müssen, wenn Sie die Gedenkstätte Buchenwald besuchen wollen. Keinen Kilometer später erscheint eine gleichartige Tafel mit dem Goethehaus am Frauenplan. Durch diese Beschilderung auf der Bundesautobahn materialisiert sich ein Wort von Richard Alewyn, einem überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald, der nach seiner Befreiung gesagt hat: "Zwischen uns und Weimar liegt Buchenwald".

Nordwestlich vor Weimar liegt der Ettersberg, wahrhaft ein denkwürdiger Ort. Die Nationalsozialisten errichteten hier das Konzentrationslager Buchenwald. Wie in einem teuflischen Reflex gerade auf die geistige Geschichte Weimars gefielen sich die Nationalsozialisten darin, Buchenwald zum Synonym für die Verfolgung Andersdenkender zu machen. Intellektuelle, Wissenschaftler, Schriftsteller, Geistliche, aber auch Homosexuelle und in sonstiger Form in den Augen der Nazis sozial Abweichende, später dann besonders russische Kriegsgefangene wurden hier zusammengepfercht. 56.000 Menschen verloren hier während des Nationalsozialismus ihr Leben, viele, die es überlebten, waren und sind noch immer gezeichnet. Im 1945 von den Sowjets errichteten Speziallager starben bis zur Auflösung des Lagers im Jahre 1956 (?) noch einmal über 10.000 Menschen. Was, werden Sie möglicherweise fragen, hat dieser Schreckensort Buchenwald mit dem geistigen Zentrum in der Mitte Deutschlands, mit Weimar, zu tun? Leider mehr als genug. Schon zu Beginn sprach ich über Elisabeth Förster-Nietzsche, die zum geistigen Urgestein Weimars zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und ihrem Tod 1935 gehörte. Sie war in ihren späten Jahren eine glühende Verehrerin Hitlers und eine überzeugte Nationalsozialistin. Nachdem hier in Weimar 1919 die erste demokratische Verfassung Deutschlands erarbeitet und verabschiedet worden war, hat Weimar bereits vor der sogenannten Machtergreifung eine unrühmliche politische Rolle gespielt. Hier regierte der erste nationalsozialistische Minister und Weimar war leider auch der erste Sitz einer nationalsozialistischen Landesregierung. Hitler brauchte hier die Macht nicht zu ergreifen, man warf sie ihm förmlich in die Hände. Als Thomas Mann 1932 die Festrede zum 100. Todestag von Johann Wolfgang Goethe an diesem Orte, an dem ich heute spreche, hielt, sah er sich zu seiner überraschung in einer Stadt zu Gast, die sich an allen Ecken ins braune Festgewand gekleidet hatte. Buchenwald ist nichts anderes als das Brandmal, das der nationalsozialistische Terror dieser Stadt, die sich ihm so leidenschaftlich auslieferte, ins Fleisch gebrannt hat.

Von der Stätte dieses Schreckens nur einen kurzen Spaziergang entfernt liegt das Schloß Ettersburg, die vierte Station meiner Prüfung, das wiederum jener bauwütige Herzog Ernst August hat errichten lassen. Die Dreiflügelanlage wurde im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts durch ein freistehendes Schloß, das das Ensemble nach Süden abschließt, erweitert.

Als Refugium des Weimarer Hofes hatte es eine ähnliche Bedeutung wie Belvedere, Tiefurt oder die Dornburger Schlösser. Vier Jahre lang war es als Sommersitz der Herzogin Anna Amalia Schauplatz für Rokokofeste und Schäferspiele.

Im Alten Schloß und im Park wurde Theater gespielt. Goethes Lustspiele »Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilen« und die »Laune des Verliebten« wurden hier uraufgeführt.

Ettersburg war Ausflugsziel und einer der Orte, an den sich die Weimarer Dichter zurückzogen, wenn sie an ihren Werken arbeiten wollten. Goethe soll in dieser Gegend viel gelaufen und im Schneetreiben unter den Augen eines kreisenden Geiers die »Harzreise im Winter« begonnen haben.

In der Mitte des 19. Jahrhundert wurde Ettersburg, wenn auch nicht ohne eine gewisse Ironie, ein »Zauberschloß« genannt. Erbprinz Carl Alexander verbrachte nach seiner Heirat mit der niederländischen Prinzessin Sophie mehrere Sommer hier. Er ließ das Gebäude mit großem Aufwand restaurieren und den Park im »grandiosen Styl« umgestalten.

Nach Entwürfen des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau entstand damals u.a. der sogenannte Pückler-Schlag, der als breiter grüner Streifen in der Hauptachse des Schlosses etwa achthundert Meter den Berg hinansteigt.

Zu den Journalabenden des Ettersburger Kreises kamen der dänische Dichter Hans Christian Andersen, der böhmische Lyriker Moritz Hartmann, Fürst Pückler und Franz Liszt, auch alte Weimarer der klassischen Periode wie der Kanzler von Müller und Johann Peter Eckermann.

Von Schloß Ettersburg stehen heute nur noch die Mauern. Nach Auflösung des Weimarer Hofes diente es im 20. Jahrhundert als Landerziehungsheim, Offizierschule der Roten Armee, Ausbildungsstätte für sozialistische Richter und schließlich als Altenheim. In der historischen Bausubstanz hat das tiefe Spuren hinterlassen. Nach der Wende war das Schloß zum Teil einsturzgefährdet. Ein hier noch untergebrachtes Möbelmagazin wurde geräumt, nachdem ein Restaurator durch eine morsche Decke gestürzt war.

In den letzten Jahren hat die Stiftung Weimarer Klassik den Verfall zwar stoppen können; doch eine Restaurierung der Anlage, die ebenso auf der Liste des Weltkulturerbes steht, wie die Wohnhäuser der Dichter in der Stadt, wird es in absehbarer Zeit nicht geben. 20 Millionen Euro, das würde es rund gerechnet kosten, sind nicht in Sicht. Und ein kluges Konzept für eine künftige Nutzung wird - wie es leider aussieht - nun doch außerhalb der Schloßmauern umgesetzt.

Von dem spanischen Schriftsteller Jorge Semprun, einem weiteren überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald, stammt die Idee, in Ettersburg ein Institut für vorausschauende Geschichtsschreibung zu etablieren. Im Sinne einer prognostischen Gesellschaftsanalyse sollten hier Strömungen und Probleme untersucht werden, die demokratische und pluralistische Entwicklungen bedrohen können. Neben Gefahren, die von totalitärem Denken ausgehen, sollten auch ethische Fragen, wie sie aus der rasanten Entwicklung der genetischen Forschung resultieren, hier verhandelt werden.

Eine »Stiftung Ettersberg« ist nach langer Vorbereitung Ende des vergangenen Jahres gegründet worden. Aber das Schloß Ettersburg ist nicht ihr Sitz. Man wollte und konnte wohl auch der jungen Stiftung ein so marodes Schloß nicht in die Wiege legen.

»Nicht vorüber ist Dir das Vergangene«, sagt Iphigenie. Auf dem Ettersberg hat Goethe an seinem wichtigsten Text der klassischen Zeit gearbeitet. Das Drama ist sein Versuch, das Inhumane vorwegnehmend darzustellen und zu bekämpfen. Die deutsche Geschichte schließt eine beliebige Nutzung gerade dieses Schlosses, in dem Goethe bei der zweiten Aufführung seines Stückes übrigens selbst den Orest gab, für immer aus.

Aber auch dieses Haus, weithin noch eine Ruine, will genutzt sein, auch wenn wir die Mittel zu seiner Restaurierung derzeit nicht haben. Gerade deshalb ist unsere Phantasie gefragt. Im Sommer wird hier ein 14tägiger Workshop jüdischer Musik stattfinden, jener Klesmer Musik, die im Osten Europas entstand und dort fast vollständig vernichtet wurde. Heute kommt sie aus dem Westen nach Weimar zurück. Junge Musiker aus vielen europäischen Ländern werden hier von amerikanischen Dozenten in die Klesmer Musik eingeführt. Wir veranstalten in diesem Jahr im Festsaal des Neuen Schlosses Konzerte, Lesungen und Kunstausstellungen. Eine private Gruppe Weimarer Bürger wird sich hier an einer Reihe von Abenden die Aufzeichnung von Peter Steins "Faust"-Inszenierung anschauen, um wieder einmal über dieses Stück miteinander zu diskutieren. Studenten der Bauhaus Universität werden Seminare über Denkmalpflege und die sinnvolle Nutzung eines Baudenkmals hier abhalten. Schloß Ettersburg soll eine Baustelle des Geistes sein für Menschen mit offenen Köpfen und freien Gedanken. Wenn uns dies gelingt und wir zugleich den weiteren Verfall des Gebäudes aufhalten können, ist diese offene Nutzung vielleicht der beste Garant dafür, daß einer der wichtigen Orte des Gedächtnisses und des Gedenkens im Bewußtsein der Menschen, die in Weimar leben, sowie derer, die Weimar besuchen, erhalten bleibt. Und dies ist das Wichtigste überhaupt, was hier vor den Toren Weimars auf dem Ettersberg geschehen kann.

Die Materialien meiner fünften und letzten Prüfung sind zur Stunde noch imaginär. Denn das Festival »Weimarer Gartenlust« wird man im Juli des nächsten Jahres zum ersten Mal besuchen können.

Es soll in Belvedere stattfinden, dem Ort in Weimar, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts für seine botanischen Besonderheiten berühmt wurde.

Belvedere, so heißt es, ist das eigentliche Schloß unter den Weimarer Schlössern, mit einer kleinen Freitreppe, einer kuppelgekrönten Turmstube und einer goldenen Spitze mit barockem Prunk. Der im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts begonnene Bau ist nur einer von mehr als 20, durch die der verschwenderische Herzog Ernst August in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts sein kleines Land ruinierte.

Die Nachahmung einer südländischen Natur zog mit diesem Schloßbau in Weimar ein. Erhalten sind die großen, hufeisenförmig geschwungenen Orangerien mit dem Gärtnerhaus, die nach Plänen des Baumeisters Gottfried Heinrich Krohne entstanden. Noch immer können sie mit der ursprünglichen, holzbefeuerten Kanalheizung gewärmt werden. Und noch immer gibt es hier Zypressen, Hanfpalmen, Zitronen und Myrten. Einst wuchsen in Belvedere auch Ananas, Granatäpfel, Pfirsiche, Wein, und die Kaffeebäume sollen sogar alljährlich mehrere Pfund Bohnen getragen haben.

Carl August hat in Belvedere achtundvierzig große und zweiundfünfzig kleine Orangenbäume anpflanzen lassen. Diese Bäume, eigentlich in anderen Breiten zu Hause, gediehen so gut, daß man von hier bis weit ins neunzehnte Jahrhundert Samen und Setzlinge verkaufen konnte.

Goethe und der Großherzog nutzten die Orangerie und die Gärten für botanische Studien. Der Pflanzenstand wurde durch viele exotische Exemplare bereichert, so daß es um 1820 in Belvedere den »reichsten Garten des festen Landes« gegeben haben soll. Der um diese Zeit von dem Jenaer Botaniker August Wilhelm Dennstedt herausgegebene »Hortus Belvedereanus« verzeichnete rund 7900 Pflanzenarten und wurde wegen dieser Vielfalt weithin bekannt. Auch der heutige Pflanzenbestand geht auf die damals katalogisierten Kulturen zurück.

Schon im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts hatte Carl August Schloß und Park seinem Sohn Carl Friedrich und dessen Frau Maria Pawlowna, einer Tochter von Zar Paul I., übergeben. Die weitere Gestaltung Belvederes wäre ohne diese russische Großfürstin und ihr Vermögen kaum möglich gewesen. Sie ließ, hauptsächlich mit eigenen Mitteln, den verwilderten Barockpark in einen romantischen Landschaftspark verwandeln, mit geschwungenen Wegen und schönen Ausblicken. Den Gelehrten wurde ein schattiger Platz gewidmet. Nicht die Büsten von Horaz und Vergil stehen dort, sondern die von Goethe, Schiller, Herder und Wieland.

Westlich des Schlosses entstand der russische Garten. Er ist von den Gartenanlagen in Pawlowsk, der Sommerresidenz des Zaren, inspiriert, wo die Fürstin ihre Jugend verbrachte. Er sollte sie an ihre Heimat erinnern.

Der englische Landschaftspark wurde in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach seinem historischen Vorbild rekonstruiert. Der Pflanzenbestand wird seitdem wieder erweitert. Auch Pomeranzenbäume wachsen wieder in Belvedere. 1998 wurden Schloß und Park als Bestandteil des klassischen Weimar durch die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

In diesem sensiblen Umfeld plant die Stiftung Weimarer Klassik ein Festival der Gartenkunst, das alljährlich im Frühsommer Gäste in Park, Orangerie und Schloß Belvedere einlädt. Zu jeweils wechselnden Themen, die an die botanischen Besonderheiten Belvederes anknüpfen, werden internationale Gartenkünstler Schaugärten gestalten. Es werden Ausstellungen gezeigt, Konzerte, Lesungen und Theateraufführungen stattfinden und heimische wie exotische Pflanzen zum Verkauf angeboten.

»Südseeträume« ist das Motto des Jahres 2003, mit dem an das 18. Jahrhundert erinnert werden soll. Es war das Jahrhundert der Abenteurer, Forscher und Pflanzenhändler, die mit eigens dafür gebauten Transportschiffen rund um den Erdball reisten, um unbekannte Pflanzen zu entdecken, zu sammeln und in Europa einzuführen.

Fünf Gartendesigner, unter ihnen Christopher Bradley Hole und Ross Palmer, werden im Blumengarten der Orangerie zu diesem Thema Gärten mit tropischen und mediterranen Pflanzen gestalten. Korrespondierend dazu wird sich eine Ausstellung mit dem natur- und kulturgeschichtlichen Hintergrund des europäischen Pflanzenhandels im 18. und 19. Jahrhundert auseinandersetzen.

Natürlich müssen wir uns fragen - und fragen lassen - wie weit die Eingriffe in ein denkmalgeschütztes Ensemble reichen dürfen. Zerstören und verändern wir unzulässig oder gelingt es, einen Dialog zwischen Klassik und Moderne zu fördern, der einem lebendigen Denkmal zugute kommt? Letzteres wollen wir versuchen.

Schon heute möchte ich Sie ganz herzlich einladen, dieses Fest des Gartens und der Gartenkultur mit uns vom 3. bis 6. Juli 2003 zu feiern. Sigmund Freud diagnostizierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Unbehagen an der Kultur. Er betonte, wie Karl Valentin, der bekanntlich sagte, "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit", die Anstrengung, die mit Kultur verbunden ist. Dennoch hat mir dieser Buchtitel nie recht einleuchten wollen, eben weil er das Entzücken, die Heiterkeit und den Genuß, den die kulturelle Anstrengung doch letzten Endes zum Ziel hat, einfach unterschlägt. Wenn Sie das Glück an der Kultur kennenlernen möchten, dann besuchen Sie Weimar während der ersten Weimarer Gartenlust. Gerne nehmen wir Sie in unseren Informationsverteiler auf, wenn Sie uns die Antwortkarte zurückschicken, die Sie im Foyer der Weimarhalle ausliegen finden.

Am Ende meiner »Prüfung « gibt es keine endgültigen Ergebnisse. Kultur ist Veränderung, Entwicklung, ein fortwährendes stirb und werde.

Was Sie gehört haben, ist ein Werkstattbericht, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Nietzsche spricht von der »Melancholie des Fertigen«, weil man erst, wenn das Haus fertig ist, weiß, was man vor dem Baubeginn hätte wissen sollen. Ob wir in dem Bemühen, zerstörungsfrei zu erhalten, erfolgreich waren, ob wir auf Abwege geraten sind oder hier und da auch in Sackgassen - die Entscheidung darüber liegt bei den uns Nachfolgenden. Die Verantwortung hingegen, liegt bei uns.

STARTHerausgeber: DGfZPProgrammierung: NDT.net