DGZfP-JAHRESTAGUNG 2003

ZfP in Anwendung, Entwicklung und Forschung

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Aktive thermographische Prüfmethoden zur Absicherung von Hochleistungsfertigungsverfahren - erste Ergebnisse

Dr. J. Baumann, Siemens AG CT, Otto-Hahn-Ring 6, 81730 München
(joachim.baumann@mchp.siemens.de)
R. Bilgram, EADS Deutschland, Ottobrunn
V. Carl, T-ZfP Gladbeck
T. Hierl, Thermosensorik GmbH, Erlangen
Dr. U. Netzelmann, Fraunhofer IZFP, Universität, Geb. 37, 66123 Saarbrücken
(udo.netzelmann@izfp.fraunhofer.de)
H. R. Schubach, Ettemeyer AG, Elchingen
G. Zenzinger, MTU Aero Engines, München
Kontakt: Netzelmann Udo Dr.

Zusammenfassung:

Aktive dynamische Thermographieverfahren mit Anregung durch Ultraschall hoher Leistung sowie durch Wirbelstrom, Heißluft und Licht zur zerstörungsfreien Prüfung sowie zur Materialcharakterisierung werden entwickelt und wissenschaftlich abgesichert. Bei der Ultraschallanregung interessieren z. B. die Grundlage der wärmefreisetzenden Prozesse bei verschiedenen Fehlertypen in verschiedenen Werkstoffgruppen, die Optimierung der Schalleinkopplung, die Rolle der Schwingungsmoden der Prüfobjekte oder die durch die Anregung unter Umständen hervorgerufenen Schädigungen. Bei elektromagnetischer- und Heißluftanregung werden z. B. optimierte Anregungstechniken erprobt, bei der Lichtanregung schnelle und robuste Auswerteprozeduren für die Serienprüfung. Die analytische und numerische Modellierung wird in allen Bereichen als wichtiges Hilfsmittel eingesetzt.

Abstract:

Active dynamic thermographic techniques using excitation by high-power ultrasound, eddy currents, hot air and light are being investigated scientifically and developed for non-destructive testing and materials characterization. For ultrasonic excitation, the power dissipating processes for different defect types in different materials, the optimization of sound coupling, the role of vibration modes in the test objects and possible damage by high power ultrasound are of interest. For electromagnetic and hot air excitation fast and robust evaluation procedures for production testing are optimized. Analytical and numerical modeling is an important tool.

Einführung

Die vorgestellten Ergebnisse entstammen einem laufenden Verbundforschungsprojekt, dessen Ziel es ist, aktive dynamische Thermographieverfahren mit unterschiedlichen Anregungstechniken zur zerstörungsfreien Prüfung sowie zur Materialcharakterisierung zu entwickeln und wissenschaftlich abzusichern, die Verfahren in anwendungsorientierte Mess-Systeme umzusetzen und die Messtechnik für unterschiedliche Anwendungsfelder zu optimieren. Als konkrete Anwendung ist der Einsatz der Prüftechniken in Hochleistungsfertigungsverfahren vorgesehen.

Die in letzter Zeit neu entwickelten Thermographievarianten, insbesondere die ultraschallangeregte Thermographie [1,2,3], arbeiten als Dunkelfeldtechnik, d. h. sie zeichnen sich dadurch aus, dass die nachzuweisenden Fehler mit besonders hohem Kontrast hervorgehoben werden. Es fehlen jedoch für den breiten Einsatz in der Praxis zum großen Teil noch die Basisinformationen über die physikalischen Wirkmechanismen, über die Nachweissicherheit und die Nachweisgrenzen dieser Effekte sowie Untersuchungen zur Absicherung der Zerstörungs- bzw. Schädigungsfreiheit.

Ultraschallangeregte Thermographie

Der schematische Messaufbau für die ultraschallangeregte Thermographie wird in Abb. 1, links, dargestellt. Kennzeichnend ist hier die berührende Einkopplung des Leistungs-Ultraschalls relativ niedriger Frequenz (typisch 20 - 40 kHz) mit definierter Anpresskraft über eine resonant abgestimmte Sonotrode; die Sonotrode ist Teil eines kommerziell erhältlichen Ultraschallgeräts, das in dieser Form speziell als Ultraschallschweißgerät für Kunststoff- bzw. Metallverbindungen entwickelt worden ist. Bringt man eine Probe (hier ist als Beispiel eine Turbinenschaufel aus einer stationären Gasturbine gezeigt) mit diesem Gerät in eine starke Vibration mit einer typischen Pulsdauer von ca. 0,5 s, so kann man Inhomogenitäten - insbesondere Risse - so stark erwärmen, dass sie bei der Beobachtung mit einer Infrarot-Kamera (IR) während der Vibration "aufleuchten". Dabei sind sowohl außenliegende (d. h. auch visuell oder mit Farbeindringmitteln zu detektierende) als auch verdeckte (z. B. unter einer Schicht liegende) Risse detektierbar (Abb. 1, rechts).


Abb 1:
Ultraschallangeregte Thermographie an Turbinenschaufeln.

Abb 2:
Zum Zusammenhang zwischen Infrarotintensität und Vibrationsgeschwindigkeit.

Abb 3:
Anregung höherer Harmonischer durch Abheben ("Hämmern").

Im Folgenden wird der Versuchsaufbau beschrieben, mit dem untersucht worden ist, in welcher Weise die Erwärmung eines Risses von der Intensität der eingebrachten Vibrationsleistung abhängt. Dazu wird ein Aluminium-Blech (Abb. 2, links oben) mit einem Riss, der durch einen vorangegangenen Ermüdungsversuch erzeugt worden ist, mit einem im Vergleich zur Sonotrodenanregung mittels eines Ultraschallschweißgeräts relativ leistungsschwachen, jedoch hinsichtlich der Frequenz abstimmbaren Piezoaktuators (max. 50 W elektrischer Input) in eine resonante Schwingung gebracht (Anordnung in Abb. 2). Das Vibrationsspektrum der Probe - im dargestellten Versuchszustand mit Halterung und angebrachtenm Piezoaktuator - wurde vorab mittels des Piezoaktuators und eines Laser-Vibrometers im interessierenden Bereich (1 - 60 kHz) aufgenommen (Abb. 2, links unten). Bei drei ausgewählten Resonanzfrequenzen (18,6 kHz, 36,8 kHz und 48,4 kHz) wurde die eingebrachte Ultraschallintensität schrittweise erhöht und dabei sowohl die sich einstellende Vibrationsgeschwindigkeit an einer ausgesuchten Stelle mittels eines Laser-Vibrometers, als auch die vom Riss emittierte Infrarotstrahlung mittels einer Infrarotkamera aufgenommen. Bei der Auftragung (Abb. 2, rechts unten) erkennt man eine quadratische Abhängigkeit der IR-Intensität von der Vibrationsgeschwindigkeit.

Da sich jedoch die Intensität der Vibration in gleicher Weise als Quadrat der Vibrationsauslenkung bzw. Vibrationsgeschwindigkeit darstellen lässt, ist an diesem Beispiel gezeigt, dass die Erwärmung (bei den auftretenden kleinen Temperaturer höhungen proportional zur IR-Intensität) linear von der eingebrachten Ultraschall- bzw. Vibrationsintensität abhängt. Inwieweit sich bei höheren Ultraschallintensitäten, wie sie insbesondere mit der Anregung durch ein Ultraschallschweißgerät erreicht werden können, Abweichungen vom hier gezeigten linearen Verhalten ergeben, muss in weiteren Experimenten noch untersucht werden. Was die Frequenzabhängigkeit betrifft, die man aus den Messungen entnehmen kann, sei darauf hingewiesen, dass sich die jeweils angeregten Schwingungsformen (Moden) in der Umgebung des untersuchten Risses nicht in jedem Fall unmittelbar vergleichen lassen; daher stehen auch hier noch Untersuchungen an ähnlichen Schwingungsformen mit unterschiedlicher Frequenz noch aus.

In den folgenden Bildreihen wird dargestellt, dass die in einer homogenen Stahl-Probe (präpariert durch Sandstrahlen der Oberfläche) auftretenden Maxima des Modenmusters der IR-Emission (Abb. 6, jeweils das Bild ganz links), die im wesentlichen einer mittels einer Sonotrode angeregten 60 kHz-Resonanz entsprechen (die Sonotrode arbeitet in der Grundfrequenz von 20 kHz, regt jedoch durch einen Abhebeeffekt an der Einkoppelstelle auch höhere Harmonische wie die hier dominierende 60 kHz-Resonanz an, s. Abb. 3; bei der Anregung mittels eines leistungsschwächeren Piezoaktuators treten dagegen keine höheren Harmonischen auf), genau zwischen den Maxima der maximalen Vibrationsgeschwindigkeit liegen (in x-Richtung: obere Reihe bzw. in y-Richtung: untere Reihe; x,y liegen in der Ebene der Oberfläche). Das bedeutet, dass hier die maximale Erwärmung nicht an den Stellen maximaler Auslenkung bzw. Geschwindigkeit auftritt, sondern an den Stellen mit einem maximalen Gradienten in der Auslenkung; eben dort ist wiederum die Dehnung bzw. Spannung maximal.

Die Erwärmung entsteht bei dieser Probe somit an Orten maximaler Dehnung.

Weitere Untersuchungen zeigen, dass sich auch an einem Riss dann Erwärmungen beobachten lassen, wenn jeweils die Rissufer Relativbewegungen durchführen, also in gleicher Weise der Gradient der Auslenkung (sowohl innerhalb der Ebene als auch senkrecht dazu) maximal wird: dabei kann die Erwärmung als Effekt einer Reibung (z. B. bei einer Scher- oder Antiparallelbewegung sich berührender Rissuferflanken, siehe dazu Abb. 4) oder auch beim Aufeinanderschlagen ("Klatschen") der Rissuferflanken interpretiert werden. Dazu sind jedoch noch eingehendere Untersuchungen vorgesehen.


Abb 4: Scherbewegung von Rissen an einer Turbinenschaufel.

Darüber hinaus ist in diesem Zusammenhang festzustellen, dass Risse grundsätzlich - jedoch signifikant erst ab einer gewissen Größe - nicht nur das Resonanzspektrum (analog einer Klangprüfung), sondern sehr spezifisch auch die lokale Modenstruktur beeinflussen.

Bei der Untersuchung von Proben, in denen der eingesetzte Ultraschall im Frequenzbereich von 20 - 100 kHz nur in geringem Maß gedämpft wird, was i. a. bei metallischen und keramischen Proben der Fall ist, treten - wie oben gezeigt - ausgeprägte Resonanzen (modifiziert auch im eingespannten Zustand) auf. Um wirkungsvoll die Probe zu "durchschallen", müssen nach Möglichkeit die Resonanzfrequenzen genau getroffen werden, was mit der Sonotrodenanregung eines Ultraschallschweißgeräts - betrachtet man nur die Grundfrequenz - nicht ohne weiteres gelingt, da die Anregungsfrequenz in der Regel (begrenzend wirkt insbesondere die mechanische Resonanz der Sonotrode) nur in einem engen Bereich abgestimmt werden kann (Abb. 5). Da hier jedoch - wie oben erwähnt - gleichzeitig auch höhere Harmonische (n = 2, 3, 4 usw.) angeregt werden, die bei einem "Nachstimmen" über einen n-fach größeren Frequenzbereich wirken, ist die Wahrscheinlichkeit mit einer höheren Harmonischen (typisch n = 3) eine Resonanz zu treffen, entsprechend größer, was noch dadurch unterstützt wird, dass bei höheren Frequenzen die Resonanzen grundsätzlich enger zusammenliegen (Abb. 5).


Abb 5:
Resonanzspektrum von Probe und Sonotrode.

Abb 6: Lage von thermischen Maxima und akustischen Schwingungsbäuchen.

CFK-Bauteile


Abb 7:
Ultraschallangeregte Thermographie an CFK-Bauteilen.
Mit der ultraschallangeregten Thermographie wurden CFK-Bauteile aus dem Luftfahrtbereich untersucht. Es konnte z. B. gezeigt werden, dass Delaminationen, die beim CFK-Bohren entstehen, auch durch auch durch 4 mm dickes Material erkennbar sind (Abb. 7). Impact-Delaminationen in CFK-Strukturen sind bei einer Entfernung Quelle - Fehler von 500 mm noch nachweisbar. Die Delaminationsgrößen stimmen mit den Ultraschallbefunden sehr gut überein. Offene Laminatschäden, die mit bloßem Auge erkennbar sind, erwiesen sich als mit ultraschallangeregter Thermographie nur schwer nachweisbar, geschlossene Schäden dagegen gut.

Wegen der geringeren thermischen Diffusivität im Vergleich zu metallischen Werkstoffen wird der Temperatureffekt tiefliegender Schadensbereiche mit deutlicher Zeitverzögerung beobachtet. Bewertungsalgorithmen hierzu sind in Entwicklung.

Schwingungsanalyse

Für eine ganzflächige und berührungslose Analyse von dynamischen Vorgängen eignet sich das Puls-ESPI Verfahren. Das Objekt wird innerhalb von wenigen Millisekunden mittels zweier kurzer Laserblitze beleuchtet, mit einer CCD-Kamera aufgenommen, und die Verformungen zwischen diesen Belichtungen werden mit einer Amplitudenauflösung von unter einem Mikrometer bestimmt. Mit hoher Ortsauflösung kann so innerhalb weniger Sekunden die quantitative Schwingungsform dargestellt werden.

In Abb. 8 ist oben links ein Bild der untersuchten Turbinenschaufel zu sehen. In der unteren Reihe sind die Schwingungsformen für drei verschiedene Frequenzen gezeigt. Mit Hilfe einer speziellen Aufnahmetechnik kann man für feste Schwingfrequenzen die komplexe Schwingamplitude bestimmen. Somit kann also neben der Amplitude auch die Phasenlage zueinander berechnet und dargestellt werden. Wie unten in den mittleren Bildern zu sehen, können so insbesondere gleich- bzw. gegenphasig schwingende Objektbereiche eindeutig identifiziert werden.

Abb 8: Schwingungsanalyse mit dem Puls-ESPI Vibrometer.

Schädigungen durch Leistungsultraschall

Eine weitere untersuchte Frage ist die nach den durch Leistungsultraschall hervorgerufenen Schädigungen an inneren Grenzflächen von Prüfobjekten. Ähnlich wie beim Ultraschallschweißprozeß ist mit solchen (hier unerwünschten) Schädigungen zu rechnen.

Abb. 9 zeigt links oben eine Thermographieaufnahme von zwei zusammengepressten Stahlplatten, die kurz nach Beaufschlagung durch einen Ultraschallpuls bei 20 kHz Schallfrequenz gewonnen wurde. Die Oberflächen der Platten waren vor dem Versuch durch Schleifen auf eine definierte Oberflächenrauheit gebracht worden. An der Grenzfläche zwischen den Platten (schwarze Linie) erscheinen lokale Temperaturkontraste, die erhöhte Reibung in diesem Bereich anzeigen. Nach dem Versuch zeigen genau diese Bereiche eine Schwärzung im optischen Bild, die auf starken Abrieb hindeutet.

Abb 9: Schädigungen der Oberfläche einer Modellprobe nach ultraschallangeregter Thermographie.

Wirbelstromanregung

Bei der thermographischen Rissprüfung mit Wirbelstromanregung (EDDYTherm) wird in einem elektrisch leitfähigen Material ein Wirbelstrom erzeugt, welcher das Bauteil erwärmt. Risse verändern den Stromfluss und damit die Temperaturentwicklung des Bauteils, so dass sie thermographisch nachgewiesen werden können.

Am Beispiel der Verdichterschaufel (Abb. 10) ist zu sehen, dass an Riss-Sspitzen aufgrund der höheren Stromdichte entsprechend höhere Temperaturen erzeugt werden. Die geometriebedingten Temperaturgradienten im Differenzwärmebild können meist durch einfache Bildverarbeitungsalgorithmen kompensiert werden, so dass im Quotientenbild nur noch die Riss-Signale sichtbar werden.

Abb 10: Nachweis von Rissen mit wirbelstromangeregter Thermographie (EDDYTherm) an einer Verdichterschaufel.

Simulationsrechnungen induktiver Bauteilanregung

Ziel der Simulationsrechnungen induktiver Bauteilanregung ist die Optimierung des induktiven Erwärmungsprozesses unter der Voraussetzung der sicheren thermografischen Detektion von Bauteilfehlern. Zu diesem Zweck wurde anfänglich ein einfacher Induktor sowie eine real existierende Bauteilprobe, die eine Rissbeschädigung aufweist, modelliert. Durch die Variation von Simulationsparametern wie z.B. der Stromdichte im Induktor, der Wechselstromfrequenz, der Einwirkdauer des magnetischen Feldes auf das Bauteil sowie der geometrischen Parameter, werden die Optima einer Versuchsanordnung ermittelt. Nach der Sicherung grundlegender Erkenntnisse werden bauteil- und fehlerspezifische Induktorgeometrien untersucht (Abb. 11).


Abb 11: Simulation der Wärmeerzeugung durch einen Induktor an einer Bauteilprobe mit Riss.

Heißluftanregung

Bei der Heißluftanregung (Abb. 12, links) wird pulsierend Heißluft von ca. 120° C in die Kanäle einer Turbinenschaufel geblasen, wobei die Heißluft über Bohrungen im Blatt die Schaufel wieder verlassen kann. Dadurch wird die Turbinenschaufel sowohl im Innern als auch von außen, insbesondere in der unmittelbaren Umgebung der Kanalöffnungen von außen erwärmt. Die Heißluft selbst bleibt im Spektralbereich der Infrarotkamera unsichtbar; nur die durch die Heißluft erwärmte Oberfläche der Turbinenschaufel erscheint im Kamerabild. Mit einer Lock-In-Auswertung ist es nun weiterhin möglich, zwischen der relativ schnell wirkenden Oberflächenerwärmung am Austritt der Kanäle und der verzögerten Erwärmung an anderen Stellen der Schaufel aus demvon Inneren heraus klar zu differenzieren: Offene Kühlluftbohrungen können in einer Phasendarstellung leicht erkannt werden und von blockierten Bohrungen unterschieden werden (Abb. 12, rechts)


Abb 12:
Nachweis von blockierten Kühlkanälen mit Heissluft.

Lichtangeregte Thermographie

Von den aktiven Thermographietechniken wird insbesondere die Blitzthermographie schon seit mehreren Jahren industriell eingesetzt. Die vollständig berührungslose Technik erlaubt eine pulsförmige Erwärmung von weiten Teilen der Oberfläche. Die längste Tradition hat der Einsatz dieser Technik bei der Delaminationsprüfung, bei der ein Fehler in der Beschichtung über die Temperaturdifferenz zu nicht delaminierten Bereichen, die sich aufgrund deutlich verringerter Wärmeleitung ins Substrat einstellt, detektiert wird: Nach dem Blitz fließt die erzeugte Wärme an den gut haftenden Bereichen schneller ab als an delaminierten Stellen. Mit modernen hochempfindlichen IR-Kameras können darüber hinaus auch Schichtdicken der Beschichtung aufgelöst werden: Der zeitliche Verlauf zeigt eine charakteristische Struktur für verschiedene Schichtdicken, die beispielhaft für eine Keramikbeschichtung auf einem metallischen Substrat in Abb. 13 gezeigt ist.

Auf ähnliche Weise lässt sich auch die Wanddicke von Bauteilen bestimmen: Die Oberflächentemperatur einer Schicht der Dicke d eines Materials mit der Wärmeleitfähigkeit k, der Wärmekapazität c und der Dichte r klingt nach impulsartiger Anregung mit der Stärke F und der Dauer t gemäß folgender Gesetzmäßigkeit, bei eindimensionaler Betrachtung, ab [4].

Kurz nach der Blitzanregung hat der Puls die Rückwand noch nicht erreicht, wodurch der Temperaturverlauf identisch bleibt mit dem des halbunendlichen Körpers. Vernachlässigt man die kurze Abbrennzeit des Blitzes, folgt die Oberflächentemperatur der Gesetzmäßigkeit DTµt-1/2, doch sobald die Rückwand erreicht ist, wird der Wärmepuls gestoppt, was zu einer immer langsameren Abkühlung der Oberfläche führt, bis sich eine nahezu konstante Oberflächentemperatur einstellt (Abb. 13). Aus der Laufzeit des Wärmepulses, also dem Zeitpunkt, an dem der Verlauf der Oberflächentemperatur von dem einer sehr dicken Struktur abweicht, lässt sich die Wandstärke bestimmen.


Abb 13:
Quantitative Bestimmung von Schichtdicken und Wandstärken.

Abb 14:
Pulsphasenauswertung zur Bestimmung der Wandstärke.

Abb. 14 zeigt einen gestuften Prüfkörper aus IN 738LC mit Stufen der Dicke 0,6 mm, 1,2 mm, 2,2 mm, 4,2 mm und 8,3 mm und sowie die zugehörigen, gemessenen Temperaturverläufe, getastet mit einer Bildrate von 130 Hz.

Zur Analyse des zeitlichen Verlaufs der Oberflächentemperatur für die Anwendung der Dickenmessung befinden sich derzeit im Rahmen dieses Verbundforschungsprojektes einige alternative Auswertemethoden in der Entwicklung und Erprobung.

Eine numerisch schnell durchführbare quantitative Analyse stellt die Pulsphasenauswertung dar [5]. Hierbei wird die Zeitinformation mittels Fouriertransformation (genauer: FFT) pixelweise in ein Amplituden- und ein Phasenspektrum gewandelt. Bei richtiger Auswahl des Zeitfensters der Detektion bzw. Transformation steht die Phaseninformation in direktem, monotonem Zusammenhang zur Dicke des Materials. Durch Kalibriermessungen an Probekörpern wie z. B. dem oben genannten Stufenkeil gelangt man dann zur Zuordnung der errechneten relativen Phase zur Wanddicke. Zur Veranschaulichung dient in Abb. 14 eine Turbinenschaufel aus dem Material IN 738LC mit Längskanälen verschiedener Tiefenlage. Die stirnseitige Längsbohrung der gezeigten Schaufel war fehlerhaft mit abnehmender Wanddicke nach oben hin. Dies lässt sich mit der Thermographie bildgebend und schnell über die Phasenauswertung sichtbar machen. Die zunehmende Helligkeit in der Farbkodierung entspricht abnehmender Restwanddicke. Bei der konkreten Probe kam es sogar zu einem Wandausbruch aufgrund der unzureichenden Restwanddicke.

Modellierung

Um zu einem tieferen Verständnis der Wärmeausgleichsprozesse und auf diese Weise zu intelligenten Auswerteverfahren zu gelangen, bieten sich verschiedene Modellierungsverfahren an: Durch Finite-Elemente-Rechnungen können 3-dimensionale Szenarien mit beliebiger Geometrie und Verteilung von Wärmequellen betrachtet werden. Insbesondere bei Objekten mit komplexer Geometrie wird so auch eine Abschätzung der Einflüsse von lateraler Wärmeleitung oder anderer Effekte ermöglicht.Das grundsätzliche thermische Verhalten der Prüfobjekte lässt sich auch über eine direkte analytische Lösung der Wärmeleitungsgleichungen erfassen. Auf diese Weise sind Modellsituationen zugänglich, welche die Basis von Auswerteverfahren bilden können, die den kompletten Verlauf der Oberflächentemperatur einbeziehen. Abb. 15 zeigt die Modellierung einer punktförmigen Wärmequelle im Inneren eines homogenen Testobjekts. Ausgehend von einem solchen Modell lässt sich die Erwärmung in der Nähe eines Risses bei Ultraschallanregung veranschaulichen.


Abb 15: Modellierung der Erwärmung der Prüfobjektoberflächen durch punktförmige Heizquellen in der Tiefe.

Zusammenfassung

Die Arbeiten können noch keine endgültigen Ergebnisse zeigen, liefern aber wichtige Grundlagen zum tieferen Verständnis und zur Anwendbarkeit der kombinierten dynamischen Thermographieverfahren. Dabei spielt die numerische Simulation eine zunehmend wichtige Rolle. Bei der ultraschallangeregten Thermographie erlaubt die Modalanalyse, ergänzt durch die quantitative 3D Vibrometrie, anschauliche Einblicke in die Schwingungsbewegungen im Volumen und an Rissen. Robuste Algorithmen für die automatisierte Schicht- und Wandstärkenbestimmung wurden entwickelt. In Zukunft werden Wege zur breiten praktischen Umsetzung der Erkenntnisse zu finden sein.

Danksagungen:

Wesentliche Beiträge dieser Arbeit wurden geliefert von:

  • Santanu Das / EADS Deutschland, Ottobrunn
  • René Krupka und Herbert Vetter / Ettemeyer AG, Elchingen
  • Günter Walle/ Fraunhofer IZFP, Saarbrücken
  • Stefan Neuhäusler/ MTU Aero- Engines, München
  • Matthias Goldammer (1), Werner Heinrich (2), Christian Homma (1), und Max Rothenfusser(1), / (1):Siemens AG CT , München , (2): Siemens AG/ PG, Berlin
  • Michael Baßler, Bernd Spellenberg und Jürgen Zettner / Thermosensorik GmbH, Erlangen
  • Frank Weissbuch / T-ZfP, Gladbeck

Wir danken für die Förderung im Rahmen des BMBF-Projekts "KombiTherm", Förderkennzeichen 02PD2200.

Referenzen:

  1. R. B. Mignogna, R. E. Green, J. Duke, E. G. Henneke, and K. L. Reifsnider: Thermographic investigations of high-power ultrasonic heating in materials. Ultrasonics 7 (1981), p. 159-163.
  2. J. Rantala, D. Wu, and G. Busse: Amplitude modulated lockin vibrothermography for NDE of polymers and composites. Research in Nondestructive Evaluation 7 (1996), p. 215-218
  3. L. D. Favro, X. Han, Z. Ouyang, G. Sun, Gang; H. Sui, and R. L. Thomas: Infrared imaging of defects heated by a sonic pulse. Rev. Sci. Instr. 71, 2418, 2000
  4. H. I. Ringermacher und D. R. Howard: "Synthetic thermal time-of-flight depth imaging", Rev. Prog. QNDE 20 pp. 487-491 (2001)
  5. Maldaque X. P. , Marinetti S. , 'Pulse Phase Infrared Thermography'; J. Appl. Phys., 79(5), (1996), pp. 2694-2698

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