DACH-Jahrestagung 2004 Salzburg

ZfP in Forschung, Entwicklung und Anwendung

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Warum österreichische Wasserkraftanlagen als sichere Stromlieferanten gelten. Die Zerstörungsfreie Prüfung als mitentscheidender Faktor.

E. Zimmerl
Kontakt: Dipl.-Ing. Erich Zimmerl

1. Einleitung

Im Jahre 2003 erreichte uns die Meldung, dass es an der USA-Ostküste zu einer mehrtägigen Stromunterbrechung kam, von der rund 50 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten und in Kanada betroffen waren. Zwei Wochen später gab es für 500 000 Menschen in London einen schweren Stromausfall. Am 23. September gleichen Jahres legte ein Blackout schließlich Teile von Dänemark und Schweden lahm. Nur fünf Tage später fällt in ganz Italien der Strom aus. 56 Millionen sind davon betroffen.
In Skandinavien war innerhalb weniger Stunden die Stromversorgung wieder intakt. Ein Dominoeffekt konnte vermieden werden.
Unterschiedliche Netz- und Versorgungsstrukturen wurden für den unmittelbaren Ausfall verantwortlich gemacht. Diesbezügliche Schwachstellen sind von heute auf morgen nicht kurzfristig in Griff zu bekommen.
In Europa gibt es eine deutlich höhere Netzqualität und eine dezentralere Stromerzeugung. Störungen an Bauteilen bzw. deren Ausfälle sind in Wasserkraftanlagen relativ selten anzutreffen. Bei Kernkraftwerken werden Ausfälle oder Störungen naturgemäß weit schwerwiegender behandelt.

2. Wasserkraft in Österreich

Österreich zählt zu den Ländern mit der europaweit besten Versorgungsqualität. Österreich verfügt außerdem im Bereich der Erzeugung noch über hinreichende Reserven. Etwa 70 Prozent der heimischen Energie wird aus dem sauberen Energieträger Wasser erzeugt. Wasser ist somit der wichtigste Energielieferant. In keinem anderen Land der EU nimmt die ökologische Nutzung der Wasserkraft eine derart dominante Stellung ein.
Ausschlaggebend ist nicht zuletzt das "Nein" Österreichs zur Atomenergie.


Bild 1:
Donaukraftwerk
Ybss -Persenbeug

Von der Verbund AG allein werden in den 108 Lauf und Speicherwerken mehr als 40 000 Gigawattstunden erzeugt (Bild 1). Sonstige Gesellschaften sowie Klein und Kleinstwasserkraftwerke ( geschätzt etwa 4000 ) liefern weitere Kapazitäten etwa gleicher Größenordnung.
Bis heute wurden etwa 64 Prozent der theoretisch ausbaubaren Wasserkraftreserven realisiert. Vergleichsweise werden in der Schweiz bereits 80 Prozent des Wasserkraftpotentials genützt.
Die Anlagen für die Nutzung der Wasserkraft sind sicherer geworden. Die Wirkungsgrade haben sich deutlich erhöht,
Das Betriebsmittel Wasser wird von der Natur praktisch kostenlos zur Verfügung gestellt. [1] Zugegeben ist Österreich durch seine Landschaftsstruktur für primäre Energiegewinnung prädestiniert. In Flachländern ist dies nicht möglich, obwohl auch dort - siehe z.B. Gezeitenkraftwerke- ebenfalls an Wasserkraftwerken anderer Art gearbeitet wird.

3. Qualität und Sicherheit aus Schadenfällen

Um im Laufe der Zeit für technische Anlagen einen immer höheren Stand an Sicherheit zu erreichen, sind neben wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erkenntnissen auch Erfahrungen aus Schadenfällen und daraus resultierende Schlussfolgerungen zu ziehen.
Im Laufe der Entwicklung der Wasserkraftanlagen haben diverse Schadenfälle, deren Behebung und die fortlaufenden Überprüfungen, insbesondere mit zerstörungsfreien Prüfungen beigetragen, den heutigen Standard zu realisieren. [2]
Am 1. August 1976 - in Bayreuth fand gerade der "Jahrhundert-Ring" von Richard Wagner statt - stürzte in Wien die Reichsbrücke ein. Die Frage nach deren Überprüfung wurde mit einer jährlichen visuellen Kontrolle angegeben.
Die Visuelle Kontrolle, ein grundlegendes und für alle anderen zerstörungsfreien Prüfungen notwendiges Verfahren, war für die Überprüfung der Wiener Reichsbrücke eine sicher zu geringe Prüfmaßnahme.

4. Wiederholungsprüfungen

Neben Erstprüfungen sind Wiederholungsprüfungen eine absolute Notwendigkeit, besonders für schwingend beanspruchte Bauteile.
Die gefährlichste Fehlerform, der Riss, ist jedoch leider nicht immer mit einfachen ZfP-Methoden restlos nachweisbar. Da der Beginn der Rissausbreitung häufig nicht gezielt voraus gesagt werden kann, ist der Inspektionsintervall so zu setzen, dass die zugelassene Risslänge nicht überschritten und die kritische Risslänge nicht erreicht wird. (Bild 2)


Bild 2: Wiederholungsprüfungen an schwingend beanspruchten Bauteilen

Spätestens nach jener Schwingspielzahl, nach der der vorausgesetzte Riss auf Grund der Berechnung eine für die Betriebsstillsetzung maßgebliche Länge erreicht, ist der Wiederholungsprüfbereich anzusetzen. Somit ist Inspektionsintervall durch jene Anzahl von Schwingspielen festgelegt, während der ein Riss von der Ausgangslänge bis zu einer kritischen Risslänge wächst, ab der die Betriebsstillsetzung erfolgt. [3]

Risse entstehen durch

  • Konstruktionsfehler
  • Falsch gewählten Werkstoff
  • Fehler im Werkstoff bzw. Schweißfehler
  • Eigenspannungen
  • Ermüdung
  • Nicht entsprechende Geometrie des Bauteils
  • Hohe Beanspruchung, Überbeanspruchung

Die Zeitpunktwahl für eine Wiederholungsprüfung kann betriebszeitunabhängig nach Wissen und Erfahrung des Lieferanten oder des Betriebes erfolgen. Weiters sind die betriebszeitabhängigen Faktoren ,die Beanspruchung einzelner Bauteile, ZB durch die Anfahr- und Abfahrvorgänge, die Besonderheiten in der Betriebsweise und die Belastungsänderungen zu berücksichtigen.
Wiederholungsprüfungen und Instandhaltungsmaßnahmen werden zu folgenden Zeitpunkten angesetzt:

  • Betrieblich vorgesehene Revisionen
  • Vor Ablauf der Garantie
  • Nach bestimmten Betriebsstunden
  • Behördlich vorgegebene Intervalle
  • Kontrolle von belassenen Fehlern
  • Bei akustischen oder visuellen Unregelmäßigkeiten
  • Nach Fremdeinwirkung

Der Umfang der Überprüfungs- und Instandhaltungsmaßnahmen für hydraulische Maschinen im Betrieb muss in jedem einzelnen Fall nach den unterschiedlichen Betriebs- und Belastungsbedingungen, den Konstruktionseigenschaften sowie den verwendeten Werkstoffen unter Beachtung der im Betrieb gewonnenen Erfahrungen festgelegt werden. Besondere Aufmerksamkeit gelten jenen Anlagenteilen, die sich als Schwachstellen der Konstruktion erwiesen haben, die besonderen Angriffen wie Kavitation oder Korrosion, erhöhten Beanspruchungen, Verschleiß oder Werkstoffermüdung ausgesetzt sind.
Ebenso ist das Korrosionsverhalten auch bei gefüllt stillstehenden, hydraulischen Maschinen zu beachten, da Brackwasser erfahrungsgemäß agressiver ist als Frischwasser.
Wiederholungsprüfungen mit zerstörungsfreien Prüfverfahren bei österreichischen Wasserkraftanlagen sind eine notwendige und wichtige Einrichtung bei der betrieblichen Überwachung, um einen gesicherten Einsatz der Bauteile zu gewährleisten Bauteile, an denen nie Wiederholungsprüfungen vorgenommen werden, können letztlich nur mehr der Korrosionsbeanspruchung in freier Natur ausgesetzt werden.

5. Richtlinien für Werkstoffe in hydraulischen Maschinen (RWhM, Bild 3)


Bild 3:
RWhM Richtlinien für werkstoffe in hydraulischen Maschinen

Als in einem österreichischem Kraftwerk im Jahre 1966 ein Peltonlaufrad während des Betriebes plötzlich zerbarst, führte dieser Schaden zu eingehenden Untersuchungen, die sich mit Materialbeanspruchungen, der Konstruktion, den Werkstoffeigenschaften und deren Prüfung auseinander setzten. Neue Erkenntnisse und Erfahrungsaustausch sollten zur Erhöhung der Sicherheit der Kraftwerksanlagen beitragen.
Im Jahre 1978 erfolgte die vom Verband der Elektrizitätswerke Österreichs herausgegebene erste Auflage der " Richtlinien für Werkstoffe in hydraulischen Maschinen" (RWhM), ein Regelwerk in Ringbuchform mit Normen, Hinweisen und Vorschreibungen, vor allem auch alle Möglichkeiten der zerstörungsfreien Prüfungen. Darüber hinaus enthalten diese Richtlinien Empfehlungen für die Bestellung, die Prüfung und den Betrieb von Wasserkraftanlagen und deren Bauteile nach dem derzeitigen Stand der Technik Seit Anfang heurigen Jahres ist eine neue, überarbeitete Ausgabe der RWhM als CD - Rom (175 Seiten), in der sämtliche in Frage kommenden europäischen und internationalen Normen aufgenommen wurden, im Handel. [4]

6. Druckrohrleitungen


Bild 4: Professor Dr. Erich Uhlir 1902-1983

Außer der Staumauer mit dem Grundablass und den Druckrohrleitungen bzw. -panzerungen bei Speicherkraftwerken, den Schleusenanlagen und Einlaufkonstruktionen bei den Laufkraftwerken hören die hydraulischen Maschinen und die Generatoren zu den wichtigsten Bauteilen einer Wasserkraftanlage.
Von einem Pionier der Werkstofftechnik, der Schweißtechnik und der Zerstörungsfreien Prüfung, Herrn Professor Dr. Erich Uhlir (Bild 4), dessen Todestag sich am 20. November 2003 zum 20. Mal jährte, und der an der Technischen Versuchs- und Forschungsanstalt der Technischen Universität (TVFA) über 50 Jahre wirkte und lehrte, wurde erstmals anlässlich des Sprödbruches der Druckschachtpanzerung des KW Gerlos die Alterungsanfälligkeit und Sprödbruchneigung der damals verwendeten Kesselbaustähle erkannt. Als Werkstoff für Druckrohrleitungen wurde von ihm ein normalgeglühter, aluminiumberuhigter Feinkornbaustahl mit entsprechenden Analysenwerten vorgeschlagen, wobei als Abnahmebedingungen u.a. gealterte und ungealterte Kerbschlagbiegeproben bei Prüftemperaturen von 20° und 0° gefordert wurden. 1947 wurde dieser Stahl erstmals von der VÖEST-Linz erschmolzen (Aldur-Stahl) und erstmals für die geschweißten Druckrohrleitungen des KW Salza der Steweag und des KW Mühlau bei Innsbruck eingesetzt.
Beim Bau des Tauernkraftwerkes Kaprun war Professor Uhlir als maßgebender Sachverständiger für Werkstoff und Schweißfragen tätig. Bereits zu dieser Zeit wurden die Baustellenschweißnähte einer Röntgenprüfung unterzogen.

7. ZfP von Druckrohrleitungen

Für die Sicherheitsbeurteilungen bestehender Druckrohrleitungen sind verschiedene Konzepte der Bruchmechanik anzuwenden, wobei Kenntnisse der Fehlergrößen, ihre Lage und ihre Fehlerkonfiguration in erster Linie durch die Anwendung und Aussage der zerstörungsfreien Nachprüfungen am Bauteil notwendig sind.
Da es nicht möglich ist, eine Druckrohrleitung von km - Länge einer vollständigen zerstörungsfreien Prüfung einschließlich der Wanddickenmessung zu unterziehen, wird man trachten, möglichst repräsentative Bereiche unter Berücksichtigung der Anlagenzugänglichkeit zu untersuchen. [5]
Bis etwa zum Jahre 1930 wurde für Druckrohrleitungen kohlenstoffarmer, weicher SM-Stahl, später verstärkt Kesselbleche der Güte M1 und M2 ( entsprechend DIN 17 155 ) mit etwas höheren Festigkeitswerten verwendet. Bis etwa 1945 wurden Druckrohrleitungen genietet, zunächst für die Herstellung von Längs- und Rundnähten, später nur mehr zur Herstellung von Montageverbindungen für Rundnähte auf der Baustelle.
Die Wassergasschweißung - eine Press- oder Feuerschweißung - verwendet zur Erwärmung des Werkstoffes auf Schweißhitze die Flamme eines Gemisches aus Wassergas und Luft.
Die erhitzten Blechränder werden überlappt und durch Hämmern oder Pressen miteinander verschweißt. Die Wassergasschweißung für Längsnähte wurde bereits seit der Jahrhundertwende eingesetzt und liefert bei den zerstörungsfreien Prüfungen dem Herstellungsverfahren adäquate Anzeigen. (Bild 5)


Bild 5: Wassergasschweißung - Querschliff

Von der TVFA vorgenommene Prüfungen an Wassergasschweißungen des KW Kaprun ergaben bei der Ultraschallprüfung im Durchschallungsverfahren ungleichmäßige, nicht eindeutig quantifizierbare Bindungsverhältnisse im Schweißbereich. Ausgedehnte Rissbildungen an der Oberfläche wurden neben zahlreichen Elektro-Reparaturschweißungen mit und ohne Glühbehandlung nachgewiesen. Hier gab die ambulante Metallographie als zerstörungsfreies Prüfverfahren wertvolle Hinweise zur Fehlerentstehung bzw. Fehlerbeurteilung. [6]
Oft ist die Durchführung von zerstörungsfreien Prüfungen im freien Gelände bei widrigen Witterungsumständen oder bei Arbeiten im Inneren einer Anlage von der Zugänglichkeit her mit Schwierigkeiten verbunden. Darüber hinaus ist für Oberflächenprüfungen vielfach die Entfernung des Korrosionsschutzes unumgänglich notwendig. Entnahmen für genauere Untersuchungen sind nur selten möglich.

8. Nicht durchgeschweißte Nähte

Bei nicht durchgeschweißten Nähten können bei der Beurteilung durch ZfP-Verfahren nicht eindeutige Resultate vor allem bei der Feststellung des inneren Befundes auftreten. In den Anfängen der Elektroschweißung wurden je nach Beanspruchung verschiedene Elektrodentypen eingesetzt. Blanke Elektroden für niedrige Beanspruchung, getauchte Elektroden für mittlere Beanspruchung und ummantelte Elektroden, die am teuersten waren, für hohe Beanspruchung.
Ein Beispiel für einen nicht an die Oberfläche gelangten, von einem Wurzelspalt einer nicht durchgeschweißten Naht ausgehenden Riss eines Generatorbauteiles (Bild 6) sei hier angeführt.


Bild 6: Von Wurzelspalt ausgehender Riß

Bild 7: KW Malta Druckrohrleitung

Der im Jahre 1983 aufgetretene Wasseraustritt an der Druckrohrleitung des KW Malta führte ebenfalls zu umfangreichen Prüfungen und Untersuchungen (Bild 7). Ursache für den Schaden waren letztlich Überbeanspruchungen durch schlecht gleitende Lager der an die Rohrwand angeschweißten Stützringfüße, die zu einem Rohrwanddurchriß führte. [7]

Gezielte, zum Teil auch mit Kriechwellen durchgeführte Ultraschallprüfungen, ergaben Kalt bzw. Wasserstoffrisse, die meist unter und ohne Berührung der Oberfläche blieben.
Grundlegende Konstruktionsänderungen, besonders in den Lagerbereichen waren bei der Sanierung notwendig ,wurden zerstörungsfrei überprüft und für in Ordnung befunden.
Für die Erstellung eines einwandfreien inneren Befundes einer Schweißnaht ist die Durchschweißung einer Naht eine Notwendigkeit, dies gilt nicht nur für die Erstprüfung, sondern vor allem für die Wiederholungsprüfungen, die zB bei geänderten Beanspruchungen andere Befunde ergeben könnten.

9. Prüfgerechte Konstruktion

Bauteile sind hinsichtlich der Betriebssicherheit auf deren äußeren und inneren Fehlerbefund zu untersuchen. Der Fehlernachweis ist bereits während der Auslegungsphase zu berücksichtigen und die Konstruktion prüfgerecht herzustellen, um die erforderlichen zerstörungsfreien Prüfungen zu ermöglichen. Als Beispiel einer prüfgerechten Konstruktion ist die Verbindungsschweißung einer sog. Sichel einer Rohrverzweigung zu betrachten, für die vorerst eine vollständige Erfassung des Schweißnahtvolumens bei der Ultraschallprüfung, insbesondere der Nahtflanken nicht möglich gewesen wäre. Erst die Verlegung der anschließenden Rundnaht, die aus schweißtechnischer Hinsicht als günstiger zu bezeichnen ist, ergab die für eine einwandfreie Ultraschallprüfung notwendigen Voraussetzungen. Die verschiedenen Einschallpositionen und -winkel benötigen in diesem Fall einen Abstand der nächsten Naht ohne schroffen Übergang von mindestens 150 mm (Bild 8 u. 9). [2]


Bild 8: DRL-Hosenrohr: Nicht prüfgerechte konstruction


Bild 9: DRL-Hosenrohr: prüfgerechte konstruction

10. Maschinelle Bauteile, Turbinen

Zu den wesentlichsten maschinellen Einrichtungen gehören neben den Schließorganen wie Kugelschieber und Klappen, zugehörige Generatoren, Wellen und Lager, die Turbinen. Bis etwa 30m Fallhöhe, primär bei Laufkraftwerken, werden Kaplan-Turbinen, dazu gehören auch die Rohrturbinen, eingesetzt. Bei Fallhöhen von 20m bis etwa 450m, Ausnahmen bestätigen die Regel, werden Francis-Turbinen, ab rund 250m aufwärts Pelton-Turbinen verwendet .Als Besonderheit können Turbinen auch bei Bedarf auch als Pumpturbinen ausgebildet sein, Dies ermöglicht in Zeiträumen mit geringem Stromverbrauch eine Umkehr des Wasserflusses, um in Spitzenzeiten nochmalige und vermehrte Energiereserven zur Verfügung zu haben.
Als spezielle Pumpturbinenkonstruktion gilt die von der ehemaligen Schweizer Firma Charmilles-Genf entwickelte, nunmehr von der Fa.Hydro-Tech, Linz, übernommene sog. IsogyreTurbine, die es ermöglicht innerhalb von ca. 30sec bei gleichbleibender Drehrichtung durch gezielte Wasserumleitung von Turbinen- auf Pumpbetrieb umzustellen. Solche Maschinen laufen in Österreich klaglos in Kärnten, im KW Nassfeld und in der Oberstufe des KW Malta.

11. Vorschrift für Stahlgussbauteile: CCH 70 - 3 (Bild 10)


Bild 10:

Wird bei den großen Rohrleitungen das Walzmaterial, die Bleche, geprüft, so sind bei den hydraulischen Maschinen Stahlguß- und Schmiedeteile zerstörungsfreien Prüfungen zu unterziehen.
Neben dem Regelwerk "RWhM" steht dazu das Vorschriftenwerk "Cahier des Charges Hydrauliques", ein "Pflichtenheft für die Abnahme von Stahlgussstücken für hydraulische Maschinen" als 3. Ausgabe, kurz "CCH 70 - 3" genannt, zur Verfügung. [8]
In einem Vorschriftenblatt ( QS ) werden alle werkstoffspezifischen Daten des zu prüfenden Bauteils und darauf in einer Skizze die Zoneneinteilung mit den vorzusehenden zerstörungsfreien Prüfungen, Oberflächenanforderungen, Bewertungsklassen getrennt nach Gießer und Hersteller eingetragen. [9]
Die Prüfungen sind von qualifiziertem und zertifiziertem Personal auszuführen.
Angaben über die Fehlerbeseitigung, der Prüfung bei Konstruktions- und Fertigungsschweißungen sind wie Annahmekriterien bei den einzelnen Prüfverfahren enthalten. Als Beispiel seien die nach Ausblutungen bei der Oberflächenprüfung nach dem Eindringverfahren referenzflächenmäßige Einteilung in 5 Klassen in absteigender Qualität angeführt. Entgegen der CCH 70 - 3 PT 70 - 3 wird in der RWhM nicht nur die Ausblutung, sondern auch die tatsächliche Fehlergröße zur Fehlerbewertung herangezogen.
Seit dem Jahr 2004 befindet sich das Sekretariat der CCH 70 - 3 an der TVFA der Technischen Universität Wien, wo auch Bestellungen der CCH 70 - 3 in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch entgegen genommen werden.

12. Die Prüfung von geschweißten Peltonlaufrädern

Bei großen Fallhöhen und hochbeanspruchten Peltonlaufrädern stellt die Belastung der einzelnen Becher durch die pulsierende Strahlkraft und die Fliehbeanspruchung hohe Anforderungen an die Sicherheit. Dementsprechende Qualitäten, insbesondere die Fehlerfreiheit des Materials wird dabei gefordert.
Die überwiegende Fertigung von Peltonlaufrädern war der, von der Gießtechnik her gesehen, relativ komplizierte und durch große Erfahrung bedingte Integralguß. Da in den letzten Jahren viele namhafte Gießereien geschlossen wurden, haben sich andere Möglichkeiten der Fertigung von Peltonlaufrädern entwickelt, der die ZfP folgen und gerecht werden musste. Die Lebensdauer der Turbine einer Wasserkraftanlage in Österreich ist übrigens derzeit mit bis zu 90 Jahren festgelegt.
Da im Wurzelbereich jedes Bechers die Höchsten Beanspruchungen liegen, war der erste Schritt die Laufradscheibe inklusive des Wurzelbereiches aus hochwertigem Schmiedematerial herzustellen. [10]
So ergeben sich mehrere Möglichkeiten die an den Schmiedeteil anschließenden Becher zu fertigen:

  • Komplett robotergesteuert schweißen
  • Gegossene Becherteile anschweißen
  • Geschmiedete Becher anschweißen
  • Formschlussbauweise ( EFG ) - Gesenkgeschmiedete Becher
  • Gänzlich aus dem Schmiedekörper gefertigtes ( gefrästes ) Laufrad

Bei allen artgleich (Werkstoff: 13% Cr, 4% Ni) ausgeführten Schweißungen werden außer den Prüfungen der Schweißkanten (PT und MT), vor und nach der Spannungsarmglühung die Schweißungen geprüft (PT, MT;UT). VT und RT - an vier jeweils um 90° versetzten Bechern - ergänzen die zerstörungsfreien Prüfungen. Lineare Anzeigen und Risse sind nicht zugelassen, Schweißkanten und hochbeanspruchte Bereiche werden nach den besten Klassen der CCH 70 - 3 klassifiziert. Bei der indringprüfung sind die tatsächlichen Fehlerausmaße mit zu berücksichtigen.

Für die Ultraschallprüfung werden eigene Testkörper mit Schweißungen angefertigt und diverse Prüfköpfe den Oberflächenradien angepasst. (Bild 11)


Bild 11:
Peltonlaufrad, US-Prüfung am Tesktörper

Bild 12:
KW Lambach

Für die Problematik auszubessender Fehler durch Schweißen mit örtlicher Entspannungsglühung ohne Laufradausbau wurden an der TVFA TU Wien wissenschaftliche Untersuchungen und Versuche durchgeführt, deren Ergebnisse für die Stromversorgungsunternehmen sowie für Versicherungsgesellschaften von großem Wert sind. [11]

13. Zuletzt fertiggestellte Wasserkraftanlagen in Österreich

In Österreich wurden zuletzt nach dem Einbau der größten Rohrturbine Europas als 7. Maschine im ältesten,1979 fertiggestellten Donaukraftwerk Ybbs-Persenbeug und dem Donaukraftwerk Freudenau knapp donauabwärts von Wien sowie das Traunkraftwerk Lambach (Bild 12) gebaut. Zwei Kaplan-Rohrturbinen, die zum Großteil aus Kostengründen in Rumänien gefertigt wurden, konnten mit allen geforderten Qualitätsanfoderungen und Prüfungsnachweisen von der TVFA TU Wien überwacht, abgenommen und an der Baustelle kontrolliert werden. Die Turbinen vom Typ Bulb 2000 wurden von heimischen Unternehmen gemeinsam entwickelt, haben einen höheren Wirkungsgrad als herkömmliche Turbinen gleicher Bauweise und stellen eine weltweit besuchte Referenz dar.
Ökologische Erkenntnisse wurden auch hier berücksichtigt und eine möglichst naturnahe Bauweise sichergestellt Auf die Interessen der Anrainer wurde Rücksicht genommen, erschütterungsfreie und besonders umweltfreundliche Dichtwände wurden ausgeführt. Drei Fischaufstiegshilfen, neu angelegte Flachwasserzonen und Stillgewässer bieten zahlreichen Organismen, auch für an der Traun fast ausgestorbenen Pflanzenarten wertvollen Lebensraum. Geh-, Radwege, Uferpromenade und Fitnessparcours stellen neue Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten dar, sodass das KW Lambach ein Beispiel dafür ist, dass Natur, Kultur und Technik in harmonischen Einklang gebracht werden können.

14. Schlussfolgerungen

Im Zeitalter der Kosteneinsparungen und der Rationalisierung ist es besonders wichtig den Beanspruchungen und Anforderungen an eine Anlage oder an ein Bauteil gerechte Qualitätsansprüche zu stellen und die Einhaltung dieser eingehend und gewissenhaft unabhängig zu überprüfen. Dies betrifft vor allem die Überwachung durch zerstörungsfreie Prüfungen, die eine gründliche, richtige Ausbildung erfordert, die gesichert und gewissenhaft zu erfolgen hat. Gerade bei Zulieferungen aus "Billigfertigungswerkstätten" mit unbekannten, unkontrollierten und unzulänglichen oder gar keinen Prüferqualifikationen, kann - und dafür sind genug Beispiele bekannt - nur eindringlich gewarnt werden. Zukäufe mit dubiosen Attesten sind wie gefälschte Banknoten heute durchaus üblich, gehören zu den kriminellen Delikten und können sich im Schadenfall äußerst nachteilig auswirken.
Eingehende Forschungen und Untersuchungen, gut ausgebildete, gewissenhafte und erfahrene Techniker in mit der Sachlage vertrauten Fertigungsbetrieben sichern mit unabhängigen, bestens ausgebildeten Prüfern nicht nur bei der Entwicklung .bei der Erhaltung und beim Ausbau der Wasserkraftanlagen in Österreich den Bestand in bewährter Weise, damit sie sichere Stromlieferanten bleiben, wobei die Zerstörungsfreien Prüfungen einen mitentscheidenden Faktor darstellen.

15. Autor

Dipl.Ing. Erich Zimmerl
A-3710 Gettsdorf 46
Ehem. Leiter der Abteilung "Schweißtechnik, Zerstörungsfreie Prüfung und Abnahme" an der TVFA TU Wien

16. Literatur

  1. Drobir H. Wasserkraft neu: Ökostrom und Umweltgestaltung ÖIAZ, 146. Jgg., Heft 5-6,Heft 5-6/ 2001, S 212 - 215
  2. Zimmerl E. Vorschriften und Möglichkeiten der Prüfung zur Vermeidung von Salzmann F. Schadensfällen; ÖGfZP-Tagung, Wien, 1988, S 88ff.
  3. Zimmerl E. Prüfvorschriften und Prüfanweisungen für Wiederholungsprüfungen Pauker G. an Wasserkraftanlagen; ÖGS-Seminar, 1985, Wien, Graz, Linz
  4. RWhM Richtlinien für Werkstoffe in hydraulischen Maschinen Verband der Elektrizitätsunternehmen Österreichs
  5. Cerjak H. Vorgehen bei der Sicherheitsbeurteilung älterer Druckrohrleitungen aus Stahl von Wasserkraftanlagen; ÖZE , Jg. 44, Heft 2, 1991, S 34ff
  6. Caloun K. Wassergasgeschweißte Druckrohrleitungen in Österreich. Ein Proble- Kropatschek J. matisches Erbe? Kropatschek M. Schriftenreihe TU Wien, 1998, Seminar Wasserkraftanlagen, 121ff.
  7. Zimmerl E. Erfahrungen bei der Prüfung und Fehlerbehebung am Beispiel einer Bärenthaler G. Druckrohrleitung; Schriftenreihe TU Wien, 1986, S 165ff.
  8. CCH 70 - 3 Cahier des Charges Hydrauliques; 3. Ausgabe,1996, Sekretariat : TVFA TU Wien
  9. Zimmerl E. Prüfungen an Stahlguß für hydraulische Maschinen nach RWhM und CCH 70 - 3; DACH-Tagung, 1996,Lindau
  10. Winkler St. Beanspruchungsgerechte Fertigung von Peltonlaufrädern Chapuis L. Schriftenreihe TU Wien, 1989, Seminar Wasserkraftanlagen, Fröschl K. S 365ff. Zimmerl E.
  11. Huber R. Eigenspannungen an reparaturgeschweißten Peltonlaufrädern Schriftenreihe TU Wien,1996, Seminar Wasserkraftanlagen, S 407ff

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