NDT.net Feb 2006, Vol. 2 No.2

ZDF Frontal21: Bad Reichenhall und die Ultraschallprüfung an Holz
Falscher Leim in Eissporthalle - Feuchtigkeit löste Klebstoff auf

Delf Gravert, Susann Huschke, Wolfgang Kramer, Friedrich Kurz, ZDF Frontal21 vom 31.01.06
Niederschrift von Rolf Diederichs

Die absehbare Katastrophe von Bad Reichenhall

Warum 15 Menschen sterben mussten

Ein Dach über den Kopf zu haben, dass klang bislang nach Geborgenheit und Sicherheit. Die Zeiten aber sind vorbei. In Polen erschlägt das einstürzende Dach einer Messehalle über 60 Menschen. In Bad Reichenhall sterben in der Eissporthalle 15 Menschen. Einstürzende Großbauten in Serie, oft ist es pures Glück, das niemand darunter begraben wird. Erst heute wurde eine Halle in Niedersachsen vorsorglich gesperrt.

Uns liegen exklusive Proben und Beweisfotos des Daches in Reichenhall vor. Wir haben Sie von Experten prüfen lassen und offenbar gilt: Es war der falsche Leim. Wolfgang Kramer und Friedrich Kurz über ignorierte Warnungen und fehlende Kontrollen:

Bilder die in Bad Reichenhall niemand vergessen kann. 15 Menschen starben in den Trümmern der Eissporthalle. Unter den Opfern sind viele Kinder. Trauer, Wut, Verzweiflung bei den Angehörigen. Die Halle war in einem schlechtem Zustand. Literweise tropfte Wasser von Oben, die Folge: Fäulnis und Schimmel auf den Balken. Sie hat die Staatsanwaltschaft sicher gestellt. Fotos davon wurden Frontal21 zugespielt, sie zeigen dicke Leimschichten die sich vom Balken ablösen und schimmeln. Auch ein Duzend Holzstücke aus dem Beweismaterial sind Frontal21 übergeben worden.

Wir haben das Institut für Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Berlin beauftrag das Holz auf Fäulnis und Leimqualität zu untersuchen. Erste Analysen der Ergebnisse liegen jetzt vor. Die Chemikerin Crista Buwert erläutert uns den Befund: "Dann haben wir hier noch mal eine Detailaufnahme von der Bruchfläche von dem Kleber. Da kann man Poren erkennen, in dem Kleber und auch wieder Schimmelpilzbildung. Und das hier ist eine Aufnahme von der Außenseite des Holzes. Das Holz ist verwittert, hier oben das ist die Kleberschicht und auch auf dieser Schicht sind Schimmelpilze." Der Kleber ist feucht gewesen, brüchig geworden und hat sich ab- und aufgelöst.

Die Wissenschaftler überrascht das nicht: Dieser Leim war völlig ungeignet für diese Halle.

Prof. Bernd Hillemeier, Institut für Bauingenieurwesen, TU Berlin:
"Unter den klimatischen Bedingungen die in der Hall geherrscht haben war es der falsche Leim. Er ist der Hauptverursacher das etwas passiert, dass sich Verbindungen gelöst haben."

Fazit der Analyse: Nicht Schimmel und Fäulnis sondern der Leim, der nur für trocken Innenräume geeignet ist, hat den Einsturz der Halle verursacht. Die jahrelange Feuchtigkeit hatte den Leim zerstört. Noch vor kurzem verteidigt sich Reichenhall's Bürgermeister mit einem Statikgutachten von 2003, dem er vertraut habe. Wolfgang Heitmeier Oberbürgermeister Bad Reichenhall am 6.1.2006: "In der Holzkonstruktion sind lediglich Wasserflecken aufgrund von Unregelmäßigen, Wassereinbrüchen aus der Dachentwässerung festzustellen. Dies haben jedoch weder auf die Qualität, noch auf die Tragfähigkeit des Tragwerkes Einfluss."

Prof. Bernd Hillemeier, Institut für Bauingenieurwesen, TU Berlin:
Genau das Gegenteil ist richtig, wenn es so gesagt worden ist. Feuchtigkeit hat natürlich mit der Stabilität zu tun. Wenn Holz feucht wird verliert es bis zu 50, 60, 70% der Festigkeit. Nur die Feuchtigkeit senkt die Festigkeit des Holzes weit über das Doppelte.

Und Feuchtigkeit zersetzt den Leim. Es gibt auch wasserbeständige Leime, aber die sind erheblich teurer.

Dr. Simon Aicher, Materialprüfungsanstalt Universität Stuttgart:
"Es hängt sicherlich von der Größe des Bauvorhabens ab, wie viel man durch die Verwendung eines billigeren Klebstoffes einsparen kann. Die Einsparungen liegen in der Größenordung von wenigen Hundert Euro bis zu einigen Tausend Euro."

Prof. Bernd Hillemeier, Institut für Bauingenieurwesen, TU Berlin:
"Im trockenen Klima hätte dieser Binder Hundert Jahre und länger gehalten. Aber unter der Feuchtebelastung ist es verwunderlich, dass er überhaupt so lange gehalten hat."

Es war eine fatale Fehlentscheidung Mitte der 70er Jahre, die teils offene Halle vollständig zu verglasen, weil es einigen Nutzern hier zu zugig war. Die Folgen Kondenswasser in großen Mengen und damit ein feuchtes Raumklima über 30 Jahre. Der starke Schneefall gab der maroden Halle dann Anfang Januar dann den Rest.

Bad Reichenhall steht nicht alleine.

Im bayrischen Degendorf hat die Stadt ihre Eishalle vorsorglich gesperrt. Die Dachkonstruktion ist aus Holz, in einigen geleimten Holzbalken gibt es dicke Risse, Einsturzgefahr, jetzt wird die Halle repariert.

Hier kam glücklicherweise niemand zu Schaden. Die vor 10 Tagen zusammengestürzte Reithalle in Bernried. Niemand weis wie viele Hallen durch Materialveränderungen beim Holz oder durch ungeignettem Leim einsturzgefährdet sind. Viele tausend Hallen mit s.g. Holzleimbindern soll es in Deutschland geben, darunter viele als Sport und Freizeithalle.

In Bad Reichenhall kommt erschwerend hinzu. Beim Bau der Halle wurden zusammengeleimte Kastenträger verwendet, die deutlich höher waren als es die Deutsche Industrienorm erlaubt. In die etwa 40 Meter langen Träger könnte Wasser eingesickert sein. Wer hat das alles genehmigt? Der ehemalige Stadtbaudirektor wehrt sich. Helmut Jakob, ehemaliger Baudirektor Bad Reichenhall:
"Die Baugenehmigung ist erteilt worden, aufgrund des Gutachten, vom Statiker geprüften Statik, wenn da drin steht die ist in Ordnung, dann ist die Baugenehmigung zu erteilen.

Aber wer letztlich den Bau überwachte und dafür verantwortlich war, ist bis jetzt ungeklärt. Der Architekt von Frontal21 befragt, lehnt jede Verantwortung ab, kein Interview vor der Kamera. Der Erbauer der Halle ist tot, ebenso der damals für den Bau zuständige Statiker. Ob es für die Trägerkonstruktion überhaupt eine Genehmigung gab, lässt sich derzeit nicht feststellen. Georg Schmid, CSU Staatssekretär Innenministerium Bayer:
"Die Baugenehmigungsunterlagen liegen momentan bei der Staatsanwaltschaft, liegen uns sozusagen nicht zur Verfügung und deswegen wird das auch mit ein Teil, der Erhebung der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sein." Die Halle in Bad Reichenhall hätte ja nur gebaut werden dürfen, mit diesem Ausmaß von Trägern, wenn es eine Sondergenehmigung des bayerischen Innenministeriums gegeben hätte, gab es die? "Also nach unseren Unterlagen, die wir intensiv geprüft haben, gab es eine solche Zulassung nicht.

Und offenbar gab es auch später keine ausreichende Prüfung der Bausubstanz. In Bad Reichenhall vertraute man wohl zu sehr auf die Kontrolle der Statik. Das reicht nicht, meinen Experten. Prof. Bernd Hillemeier, Institut für Bauingenieurwesen, TU Berlin:
"Die statischen Berechungen waren in Ordnung - so, und nun was passiert mit den Materialien? Wir haben zu wenig Fachleute und man beachtet sie auch zu wenig, die als Fachleute für Materialen die bestehende Bausubstanz begutachten."

Dabei wäre es ein Leichtes gewesen die Schäden zu erkennen

In Lausanne hat der renommierte Holzexperte Prof. Jan-Luc Sandoz ein Messinstrument entwickelt, dass mit Ultraschall die Festigkeit von Holz und die Veränderungen bei der Leimbindung innerhalb von Sekunden feststellen kann. In der Schweiz, in Frankreich, ja sogar in China hat Sandoz Hunderte von Expertisen angefertigt.

Jan-Luc Sandoz: "Also dieses Gerät ermöglicht es uns sehr präzise den Zustand des Holzes zu ermitteln. Sehr viel besser als nur durch äußerliche Begutachtung."


Doch in Deutschland scheint man auf seine Dienste verzichten zu wollen. Statt mit solchem Messinstrument zu prüfen, verlässt man sich hierzulande häufig nur auf das gute Auge der Prüfer. Sein Instrument kostet gerade mal 7000 Euro. Einstürzende Hallen sind für Jan-Luc Sandoz keine unvorhersehbare Katastrophen.

Das sieht Christan Trecha (Sicherheit für Menschen in Deutschland e.V) genauso. Er sammelt Beweise für das Versagen der Verantwortlichen. Sein Neffe starb hier in den Trümmern, der Schmerz darüber holt ihn immer wieder ein. "Dieser Einsturz der Halle bedeutet ein großes Leid für die betroffenen Familien, sowohl für meine Familie als auch für alle anderen." Und die haben nur einen Wunsch, dass die Ursachen restlos aufgeklärt und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.

Literatur

Weitere Informationen


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